Erst vor, dann zurück: Alles zur (VORERST DOCH WEITERLAUFENDEN) Zeitumstellung!

Published on 24. October 2019
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Erst vor, dann zurück: Alles zur (VORERST DOCH WEITERLAUFENDEN) Zeitumstellung!

Der halbjährliche Dreh an der Uhr sorgt regelmäßig für Aufregung – und wird nun doch nicht so bald Geschichte sein. Fest steht aber trotzdem: Die gesundheitlichen Folgen und Kosten der Zeitumstellung haben es in sich…

 

Herzlichen Glückwunsch! Du bekommst eine Stunde geschenkt – in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 2019 ist es wieder soweit: Die Uhren werden in der EU eine Stunde zurückgestellt. Die Winterzeit löst die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) ab. Seit 1996 gelten in der Europäischen Union einheitliche Termine für die Zeitumstellung: Am letzten Sonntag im März wird die Uhr eine Stunde von 2 Uhr auf 3 Uhr nachts vorgestellt und am letzten Sonntag im Oktober wird die Uhr von 3 Uhr auf 2 Uhr nachts zurückgestellt. Wer Probleme hat, sich zu merken, wann die Zeiger der Uhr vor- beziehungsweise zurückwandern, kann sich mit Merksprüchen wie diesem behelfen: „Im Frühling werden die Stühle vor das Café gestellt, in der kalten Jahreszeit werden sie zurück ins Lager gebracht.“

Die Risiken und Nebenwirkungen der Zeitumstellung

Das Ergebnis des aktuellen Drehs an der Uhr: Die sogenannte „Normalzeit“ bedeutet, dass es morgens früher hell ist, abends aber auch früher dunkel. Was die einen freut – eine Stunde mehr schlafen! – stresst die anderen: Die Zeitumstellung kann den Biorhythmus von Mensch und Tier durcheinanderbringen. Besonders die Umstellung auf die Sommerzeit und der Wegfall einer Stunde Schlaf birgt gesundheitliche Gefahren: Laut einer Studie melden US-Krankenhäuser am Montag nach der Umstellung auf die „Daylight Saving Time“ (DST) einen Anstieg von 24 Prozent bei der Zahl der Herzinfarkte. Gefahr für Leib und Leben droht zu Beginn der Sommerzeit auch im Verkehr: Eine Langzeituntersuchung der Miami University kam zum Ergebnis, dass es dann besonders häufig kracht. Der Grund: Am Steuer sitzen schläfrige Fahrer, die unkonzentriert fahren oder gar in Sekundenschlaf fallen.

Geringere Produktivität und Gesundheitsprobleme

Statistisch gesehen ist die Zeitumstellung gefährlicher als Freitag, der 13. Und dann sind da noch die volkswirtschaftlichen Kosten, warnt Korbinian von Blanckenburg, Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsmathematik an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo: „Dazu zählen die administrativen Kosten, die durch die Zeitumstellung direkt entstehen, aber auch die gesellschaftlichen Kosten, wie zum Beispiel gesundheitliche Probleme in der Bevölkerung.“ Es sei auch unumstritten, dass es vor allem in der Wirtschaft zu spürbaren „Nutzenverlusten“ komme. So könne beispielsweise ein Vater eine geringere Produktivität verursachen, weil sich seine Kinder noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt haben, sagt der Volkswirtschaftsprofessor.

Studien zeigen zudem, dass die Zeitumstellung keine nennenswerten Energieeinsparungen mit sich bringt. Zur Erinnerung: Die Sommerzeit wurde ursprünglich mit dem Ziel eingeführt, das Tageslicht besser zu nutzen und Ressourcen zu sparen. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB), das beim Deutschen Bundestag angesiedelt ist, kam 2016 in einer umfassenden Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Sommerzeit in Deutschland eine Energieersparnis von lediglich 0,21 Prozent bewirkt. Ähnlich sieht es aus, untersucht man nur den Stromverbrauch, sagt Korbinian von Blanckenburg: „Wir konnten in einer Analyse zeigen, dass es durch die Zeitumstellung nur zu geringen Einsparungen beim Stromverbrauch privater Haushalte kommt.“

Zeit für ein Ende der Zeitumstellung

Zeitumstellung? Nein danke! Der Widerstand gegen das halbjährliche Drehen an der Uhr nimmt in Deutschland zu. So befragt zum Beispiel die Krankenkasse DAK seit Jahren die Bundesbürger zum Thema Zeitumstellung und stellt fest, dass die Abneigung gegen die Zeitumstellung wächst: Ergebnisse der DAK-Umfrage von 2018 zeigen, dass nur noch 23 Prozent der Befragten eine Zeitumstellung grundsätzlich für sinnvoll halten.

 

„Es ist wirklich an der Zeit für ein Ende der Zeitumstellung“, sagt Korbinian von Blanckenburg. Nun ist aber genau das wieder in weitere Ferne gerückt.  

An einer Online-Umfrage zur Zeitumstellung der EU beteiligte sich im Sommer 2018 eine Rekordzahl von 4,6 Millionen Teilnehmern – zwei Drittel davon aus Deutschland. Das Interesse war so groß, dass zeitweise die Server überlastet waren. Die Teilnehmer, die gemessen an der Einwohnerzahl der EU allerdings nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, sprachen sich deutlich gegen ein Vor- und Zurückstellen der Uhr aus: Über 80 Prozent stimmten für die Abschaffung der Zeitumstellung. Und so sollte es dann auch ursprünglich kommendes Wochenende zur letzten Umstellung kommen.

Aber wie es scheint, waren viele EU-Staaten noch nicht bereit, denn nur wenige haben bisher Position bezogen. Was die Kommission in jedem Falle vermeiden möchte, ist einen Zeitzonen-"Flickenteppich" innerhalb der EU, der zu Friktionen im Binnenmarkt führen könnte. Viele Länder müssen sich intern erst noch organisieren, dann steht der Punkt auf dem Programm für das nächste Treffen der Minister*innen Ende des Jahres, bei dem sich alle Länder auf eine einheitliche Linie festlegen sollten. Zuletzt entscheidet dann das EU-Parlament. 

Dreh an der Uhr ist unwirtschaftlich

„Unterm Strich dürfte die Rechnung ganz klar ausfallen: Eine Zeitumstellung ist unwirtschaftlich für die gesamte Gesellschaft“, sagt Korbinian von Blanckenburg, der sich für eine dauerhafte Sommerzeit ausspricht, aber dafür plädiert, dass „wir uns hier bei unseren Arbeits- und Schulzeiten anpassen würden und im Winter eine Stunde länger ausschlafen dürften.“

Aber selbst für den Fall, dass erst 2021 zum letzten Mal offiziell an der Uhr gedreht wird, kann es erst einmal zu Chaos und entsprechenden Kosten kommen. Um es mit Lenny Kravitz zu sagen/singen: „It ain’t over till it’s over“.

Wusstest du, dass...?

…es in 40 Prozent aller Länder der Erde regelmäßige Zeitumstellungen  gibt – die meisten davon befinden sich in Europa.

…es in Marokko pro Jahr vier Zeitumstellungen gibt. Das nordafrikanische Land mutet seinen Bürgern jährlich zwei Sommerzeitperioden zu.

…Russland nach drei Jahren ewiger Sommerzeit seit 2014 wieder auf Winterzeit umgestellt hat. Durch die Sommerzeit hinkte das größte Land der Welt seiner natürlichen astronomischen Zeit etwa zwei Stunden hinterher.

 

Eine kurze Geschichte der Zeitumstellung

„Wer hat die Zeitumstellung erfunden?“ Kleiner Tipp: Die Schweizer waren’s nicht und auch nicht die Deutschen. Erstmals an der Uhr gedreht haben Kanadier im Juli 1908, auch die Italiener und Franzosen führten früher als die Deutschen die Sommerzeit ein. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Sommerzeit 1916 auch in Deutschland eingeführt, um in den Abendstunden Energie zu sparen. Nachdem sie nach Kriegsende wieder abgeschafft wurde, erlebte die Zeitumstellung im Zweiten Weltkriege eine Renaissance. Im Zuge der weltweiten Ölkrise fand das Thema im Bundestag ab 1973 wieder Gehör. Fünf Jahre später wurde dann das sogenannte Zeitgesetz beschlossen, das Grundlage für die europäische Sommerzeit war.