Man lebt nur einmal: Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung

Published on 22. February 2019
Kategorien:

Man lebt nur einmal:
Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung

Stell dir vor: Du bist in einer Situation, in der du nicht mehr selbst entscheiden kannst. Wer soll nach einem Unfall oder einer Krankheit mit Ärzten oder der Bank sprechen? Wer entscheidet über medizinische Behandlungen? Wem vertraust du – im wahrsten Sinne des Wortes – dein Leben an?

Warum Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht jetzt auf deine To-do-Liste gehören!

Das schrille Quietschen von Bremsen, ein lauter Aufprall, dann Stille. Minuten später Blaulicht und Martinshorn. 2017 sind nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) in Deutschland pro Tag 9 Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen, weitere 1.069 wurden verletzt. Schwer- beziehungsweise Schwerstverletzte werden im medizinischen Sprachgebrauch auch als Polytraumatisierte bezeichnet. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwei Jahre nach einem schweren Unfall 32 Prozent der Überlebenden schwerbehindert waren.

Dein Bankkonto soll zu deinem Leben passen? Unser Kontofinder hält das richtige Produkt für dich parat:

ZUM KONTOFINDER

 

Wer für den Fall der Fälle vorsorgen will, erstellt nicht nur ein Testament: „Mindestens genauso wichtig ist es, auch für die Zeit vor dem Tod Vorkehrungen zu treffen, für den Fall, dass man – aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen – nicht mehr in der Lage sein sollte, einen eigenen Willen zu bilden, diesen zu äußern und umzusetzen“, sagt die Fachanwältin und Notarin Sandra Ternai. Eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht zu erstellen, sollte also nicht nur auf der To-do-Liste von Senioren stehen. Zum Komplett-Vorsorgepaket gehört außerdem eine Betreuungsvollmacht.

 

Patientenverfügung – nicht nur für Alte und Kranke

Am Baggersee mit Freunden chillen oder an der Patientenverfügung feilen? Wer sich spontan für ersteres entscheidet, gehört zur Mehrheit der Deutschen: Drei Viertel (74,6 Prozent) haben laut einer Umfrage der Apothekenumschau keine Patientenverfügung. Dabei sind die Vorstellungen vom eigenen Lebensende etwas, das man nicht anderen überlassen sollte. Beatmet werden oder nicht? Künstliche Ernährung – Ja oder Nein? In der Patientenverfügung kannst du für bestimmte Behandlungssituationen niederlegen, in welche medizinischen Maßnahmen du einwilligst. „Die in der Patientenverfügung niedergelegten Vorstellungen und Wünsche des Verfügenden sind sowohl für behandelnde Ärzte, als auch für Bevollmächtigte oder Betreuer bindend“, betont Sandra Ternai.

 

So konkret wie möglich

Wichtig: Die Patientenverfügung muss schriftlich vorliegen. Eine eigenhändige Unterschrift sowie Ort und Datum gehören ebenfalls dazu. Und: „Die Angaben sollten so konkret wie möglich sein“, urteilte der Bundesgerichtshof (BGH) 2016. Weil man sich als Laie ohne medizinische Fachkenntnis beim Erstellen einer Patientenverfügung schnell überfordert fühlt, empfiehlt es sich, auf Musterformulare zurückzugreifen. Zu finden zum Beispiel in einem Ratgeber samt Formularen mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen der Stiftung Warentest. Wer sich von einem Online-Dienstleister unterstützen lassen will, kann sich an den Empfehlungen von Finanztip.de orientieren: Ein entsprechendes Vorsorgepaket inklusive Vorsorgevollmacht kostet ab 29,90 Euro.

 

Vorsorgevollmacht – besser jetzt als zu spät

Viele Menschen gehen davon aus, dass es ausreicht, Angehöriger zu sein, um für die zu betreuende Person handeln zu können. Das ist ein Irrtum: „Laut aktueller Betreuungsstatistik des Bundesamtes für Justiz stehen knapp 250.000 Menschen unter einer gerichtlich angeordneten Betreuung“, sagt Sandra Ternai. Nur etwa die Hälfte der Betreuungen erfolge durch Familienangehörige. „Das Thema Vorsorgevollmacht gewinnt immer mehr an Bedeutung“, sagt die Essener Anwältin. Die Zahl der rechtlichen Betreuungen habe sich in den letzten dreißig Jahren in etwa verdreifacht.

Eine Vorsorgevollmacht regelt, wer stellvertretend für dich entscheiden darf, wenn du deinen Willen nicht mehr äußern kannst. Damit bevollmächtigst du einen Angehörigen (oder eine andere vertrauenswürdige Person), dich in ärztlichen, finanziellen oder in Fragen der Unterbringung zu vertreten. Tipp: Überlege genau, wem du uneingeschränkt vertrauen kannst – und wem du zutraust, dass er mit einer Betreuung nicht überfordert ist.

 

Wer soll im Notfall kontaktiert werden?

Die Vorsorgevollmacht muss wie die Patientenverfügung schriftlich vorliegen. Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht können auch als ein gemeinsames Dokument verfasst werden. Auch hierfür gibt’s Online-Vorlagen.

Geschafft! Die Vorsorgevollmacht ist erstellt. Aber wie stellt man sicher, dass das Gericht von deren Existenz erfährt, bevor eine Betreuung eingerichtet wird?

Dafür gibt es seit 2003 das Zentrale Vorsorgeregister (ZVR), bei dem auch private Vorsorgeurkunden – online oder per Post – registriert werden können. „Hierfür wird vom ZVR eine einmalige Gebühr erhoben, die zwischen 10 und 20 Euro beträgt“, erläutert Notarin Sandra Ternai. Zusätzlich gibt es eine ZVR-Card im Scheckkartenformat, die man z.B. im Geldbeutel bei sich führen kann, damit im Notfall klar ist, wer kontaktiert werden soll.

 

Auf Nummer sicher

Wer bei der Vorsorgevollmacht auf Nummer sicher gehen will, setzt auf eine notariell beurkundete Vollmacht: Der Notar stellt fest, ob der Vollmachtgeber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und geschäftsfähig ist, schafft rechtssichere Formulierungen und verwahrt die Urkunde. Die Kosten dafür sind überschaubar und richten sich nach dem Vermögen des Vollmachtgebers: Wer beispielsweise rund 5.000 Euro sein Eigen nennt, zahlt eine Beurkundungsgebühr von 75 Euro.

 

Betreuungsverfügung – die sinnvolle Ergänzung

„Sinnvoll ist es, wenn eine Vorsorgevollmacht auch eine sogenannte Betreuungsverfügung enthält“, sagt Sandra Ternai. Wer nicht will, dass das Betreuungsgericht möglicherweise eine fremde Person als Berufsbetreuer einsetzt, die sich um die Belange des Betroffenen kümmern soll, sattelt auf die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht eine Betreuungsverfügung drauf: Dabei nennst du dem Betreuungsgericht eine Person, die dich vertreten soll, wenn du nicht mehr entscheidungsfähig bist und ein Betreuer bestellt werden muss.

Tritt der Ernstfall ein, prüft das Gericht zuerst, ob der gewählte Betreuer für die Aufgabe geeignet ist. Leidet dieser inzwischen beispielsweise selbst an einer Demenz, kann das Gericht ihn ablehnen. In diesem Fall wird eine andere Person zum rechtlichen Betreuer ernannt. In der Regel fällt die Wahl dann auf einen nahen Angehörigen. Unterschiede zwischen der rechtlichen Stellung eines Betreuers und eines Vorsorgebevollmächtigten gibt es unter anderem bei Schenkungen: „Diese darf der vom Gericht eingesetzte Betreuer für den Vollmachtgeber grundsätzlich nicht vornehmen“, erläutert Anwältin Ternai. Ein Vorsorgebevollmächtigter unterliege hier prinzipiell keinen Einschränkungen.