Vorteil oder Vorurteil: 30 Jahre Wiedervereinigung

Published on 02. October 2020
Kategorien:

Vorteil oder Vorurteil:

Wie lebt es sich im Westen und Osten dreißig Jahre nach der Wende?

Es ist der 3. Oktober 2020 und wir feiern den Tag der deutschen Einheit. Dreißig Jahre sind seit der Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik vergangen. Dreißig Jahre – doch so manches Vorurteil über die jeweils anderen „dort drüben“ hält sich immer noch hartnäckig. Zu Recht?

Feierten die Westdeutschen „ihren“ Tag der deutschen Einheit bis ins Jahre 1990 am 17.Juni, zelebrierte man ihn im Jahr der Wiedervereinigung gleich doppelt: Mit dem Wirksamwerden des Wiedereintritts der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschlands am 3. Oktober 1990 war der neue Nationalfeiertag geboren.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, mag man denken. Eine ganze Generation Deutscher ist seitdem geboren und kennt nur ein einziges Deutschland, keine geteilte Nation mit Mauer und Stacheldraht, mit Orangen auf der einen, und Rotkäppchen Sekt auf der anderen Seite.

Auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch deutliche Unterschiede zwischen Ost und West – wenn auch nicht in den Supermarktregalen. Doch stimmt das Klischee vom Besser-Wessi und Mecker-Ossi? War früher wirklich alles besser? Verdienen die Westdeutschen tatsächlich mehr? Machen Frauen im Osten häufiger Karriere? Oder existieren diese Vorurteile nur noch in unseren Köpfen? Wir machen den großen Wiedervereinigungs-Realitäts-Check!

Fidor Smart Girokonto.
Ein Konto für Ost und West.

Konto eröffnen

Vorurteil 1:

In Westdeutschland sind die Gehälter höher als im ehemaligen Osten

Kurz und knapp: Ja, dies stimmt leider immer noch. Liegt der Bruttodurchschnittslohn je Beschäftigte*r im Jahre 2020 im Westen bei 3340 €, liegt er im Osten lediglich bei 2790 €. Allerdings stiegen die Gehälter in den alten wie neuen Bundesländern in den vergangenen zwanzig Jahren zwar nicht um denselben Betrag, wohl aber prozentual nahezu gleich an. Die Kluft zwischen den Einkommen bleibt im Schnitt also gleich und vergrößert sich nicht.

Doch werden die Bürger der neuen Bundesländer durch die niedrigeren Bruttolöhne tatsächlich benachteiligt, wie es auf den ersten Blick scheint? Die Lebenshaltungskosten in Ostdeutschland sind angeblich signifikant günstiger als im „teuren“ Westen – und wer weniger monatliche Fixkosten hat, der kommt auch mit einem niedrigeren Lohn aus. Oder?

Vorurteil 2:

Das Leben ist im Osten viel günstiger

So sieht’s aus. Denn im Osten verdient man zwar weniger, muss im Schnitt aber auch weitaus weniger Miete zahlen. Das Jobportal Stepstone hat, gemeinsam mit dem Immobilienportal immowelt.de, ausgewertet. Das Ergebnis: Im Schnitt gibt man im Westen wie im Osten prozentual gleich viel vom Bruttogehalt für die Miete aus. In den zehn größten Städten Ostdeutschlands sind das 19,2 Prozent, in den zehn größten Städten Westdeutschlands sind es 18,9 Prozent. Auch jenseits der unterscheiden sich die Konsumausgaben der deutschen Privathaushalte kaum. Während man im Westen 53,6 Prozent des Einkommens für das tägliche Leben ausgibt, sind es im Osten 53,3 Prozent.

Vorurteil 3:

Frauen im Osten machen häufiger Karriere, im Westen bleiben sie zu Hause

Nun, dieses Vorurteil kommt an sich schon etwas schwammig daher, denn was genau wir unter „Karriere“ verstehen, ist doch recht subjektiv. Fakt ist aber: Ostdeutsche Mütter sind häufiger berufstätig. Und da Mütter nun mal meist Frauen sind, und das Ausüben eines Berufes wichtigste Voraussetzung einer Karriere ist, kann man sagen: Ja, Frauen im Osten machen häufiger Karriere.

Vor allem bei Frauen mit kleinen Kindern ist der Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern groß.

Vor allem bei Frauen mit kleinen Kindern ist der Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern groß. Im Westen waren im Jahre 2017 gut 57 Prozent der Mütter mit jüngstem Kind zwischen zwei und drei Jahren erwerbstätig, im Osten hingegen waren es ganze 72 Prozent. Ebenso liegt der Anteil der Mütter, die Vollzeit arbeiten, in den neuen Ländern deutlich höher.

Die Gründe für diese signifikanten Unterschiede liegen auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung immer unterschiedlichen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Prägung. Denn in der ehemaligen DDR genossen Frauen und Mütter weitaus mehr Rechte als im Westen. Bereits seit 1950 wurde es den ostdeutschen Frauen per Gesetz ermöglicht, arbeiten zu gehen – im Zweifel auch gegen den Willen des Ehemannes. Zugleich ermöglichte eine umfassende Kinderbetreuung eine vollzeitnahe Erwerbstätigkeit, während im Westen die Frau am heimischen Herd gesehen wurde.

Damals wie heute sind die Frauen in den ostdeutschen Bundesländern im Schnitt also finanziell unabhängiger, karriereorientierter und somit im Alter besser abgesichert als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen.

Vorurteil 4:

Früher war alles besser

Wann ist dieses früher? Und wie viele? Wir schreiben den 3. Oktober 2020, gefühlt meint der Begriff „früher“ vor allen Dingen eines: vor Corona. Doch in Bezug auf den Tag der deutschen Einheit liegt dieses bessere Früher wohl vor der Wende. Oder gar noch früher? Oder doch nach dem Mauerfall, aber vor Smartphones, Social Media und Co.?

Das Empfinden, ob und wann denn irgendetwas besser war, ist so subjektiv, wie es nur sein kann. Fragen wir hundert verschiedene Leute, werden wir wohl hundert verschiedene Antworten erhalten.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich die Lebenszufriedenheit und das subjektive Wohlbefinden in Ost und West seit der Wende genauer angesehen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Sorgen in beiden Teilen des Landes über die Jahrzehnte gleichförmig entwickelt haben – auch wenn sie im Osten ein wenig ausgeprägter sind. Deutlich geht jedoch hervor, dass die empfundene Lebenszufriedenheit in den vergangenen dreißig Jahren parallel zum sozioökonomischen Aufholprozess stetig zugenommen hat. Die Deutschen sind heute also insgesamt deutlich zufriedener mit ihrem Leben als früher – im Osten wie im Westen.

Fazit

Wie so oft im Leben gibt es auch hier nicht Schwarz und Weiß. Manche Vorurteile sind tatsächlich nichts Anderes als angestaubte Klischees aus der Mottenkiste. Andere wiederum bergen mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Wer weiß, wie sich die Unterschiede zwischen Ost und West in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden, und ob sie irgendwann ganz verschwinden. Doch zumindest heute sind sie uns egal, die Unterschiede, und wir blicken auf unsere Gemeinsamkeiten – am dreißigsten Tag der deutschen Einheit.

Disclaimer
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte dieser Aussendung. Für den Inhalt verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. Soweit wir Ihnen steuerliche oder rechtliche Informationen liefern, stellen diese keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die hier enthaltenen Aussagen sind nicht als Angebot oder Empfehlung bestimmter Produkte oder Dienstleistungen zu verstehen. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Produkte oder deren Emittenten, Dienstleister oder Anbieter explizit erwähnt werden. Sofern die Inhalte und Informationen von Dritten zur Verfügung gestellt wurden bzw. Meinungen Dritter wiedergegeben werden, müssen diese nicht mit unserer Auffassung im Einklang, sondern können sogar im Widerspruch hierzu stehen. Bei Fragen zu rechtlichen oder steuerlichen Auswirkungen im Einzelfall wenden Sie sich bitte in jedem Fall vorher an Ihren Rechts- oder Steuerberater.

NACHHALTIGKEIT

Was kostet
das Leben?

Monat für Monat zahlen wir Miete, Strom, Internet, Haftpflichtversicherung und vieles mehr. Laufende Kosten begleichen wir per Lastschrift, so müssen wir uns schließlich um nichts kümmern – und nicht dabei zusehen, wie das Geld verschwindet. Zu guter Letzt wundern wir uns aber doch, wo das ganze Geld hin ist.

Erfahre mehr

FINANZEN

Ein Kultklops
als Indikator

In Sidney oder Sindelfingen: Der Big Mac ist überall. Warum der Doppel-Burger das perfekte Vergleichsobjekt ist und wie sich per Big-Mac-Index die Kaufkraft eines Landes bestimmen lässt.

Erfahre mehr

FINANZEN

Warum du eine Steuer­erklärung erstellen solltest

Bester Grund: eine Steuererklärung zahlt sich für dich in barer Münze aus! Laut dem Statistischem Bundesamt bekommt ein Arbeitnehmer durchschnittlich 1.007 Euro zurück.

Erfahre mehr