Verändern Security Token die Unternehmensfinanzierung?

Published on 29. August 2019
Kategorien:

Blockchain und Crypto Assets: Werden Security Token die Unternehmens­finanzierung verändern?

Die Begriffe “Bitcoin” und “Blockchain” Technologie sind aus unseren Medien und jeglichem Small-Talk unter Tech- und Finanzenthusiasten heute nicht mehr wegzudenken. Vor allem nach der Kursrallye des Bitcoin ist die hinter der Kryptowährung stehende Technologie, trotz aller kritischen Stimmen, in den Interessenfokus von Unternehmen, staatlichen Organisationen und Forschern gerückt. Eine der neuesten Entwicklungen in der Crypto Szene sind die sogenannten “Security Token”, die das Potenzial haben, die Unternehmensfinanzierung grundlegend zu verändern.

Nachdem die sogenannten Initial Coin Offerings (ICOs) als Branchenprimus der Startup- und Unternehmensfinanzierung gehandelt wurden, machen Ihnen nun die Security Token durch ihren geregelten softwaretechnischen Framework sowie eine Absicherung durch (physische) finanzielle Sicherheiten valide Konkurrenz. Dieser Artikel beleuchtet das ambivalente Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation und prozessualen Anforderungen im Bereich der Unternehmensfinanzierung. Zunächst wird geklärt, was die Blockchain Technologie eigentlich ist, und was diese Technologie so besonders macht.

Was ist die Blockchain Technologie?

Ganz allgemein wird unter einer Blockchain eine dezentrale Datenbank verstanden, die durch entsprechende kryptografische Funktionen und Verkettungsmechanismen gegen Manipulation gesichert ist. Dabei werden alle Transaktionen für alle Teilnehmer im Netzwerk sichtbar gemacht und verifizierbar, es kann also keine Transaktionshistorie verloren gehen oder nachträglich hinzugefügt werden. Ursprünglich wurde die Blockchain-Technologie als alternativer Mechanismus zur Bildung einer Vertrauensbasis zwischen Transaktionsparteien entwickelt. Dabei zeichnet sich das System durch eine kollektive Buchführung, unterstützt durch kryptografische Funktionen, aus. Mittels dieser Komponenten wird durch die Vertragsparteien eine Vereinbarung über die Genehmigung einer Transaktion geschlossen. Mehrere Transaktionen werden daraufhin in einem “Block” zusammengefasst. Beim Entstehen eines neuen Blocks wird dieser kryptografisch mit vorhergehenden verkettet.

Diese Kette and Blöcken (Blockchain) ist das Hauptbuch des Netzwerks und wird von allen an das System angeschlossenen Parteien individuell geführt, um folgende Transaktionen auf Validität prüfen zu können. Dementsprechend entfällt zum Beispiel im Anwendungsfall einer Finanztransaktion die Rolle klassischer Banken als Vermittler und Vertrauensbasis in diesem System, da sämtliche Verifizierungen durch die Eigenschaften der kryptografischen Funktionen und Mehrheitsentscheidungen innerhalb des Netzwerks sichergestellt werden, wodurch ein Betrug systemisch mitigiert wird. Jedoch beschränkt sich die Technologie nicht nur auf Anwendungen im Finanzbereich, sondern kann auf alle Transaktionen angewendet werden, bei der eine entsprechende Transparenz und Stringenz erforderlich ist. Da die reale Welt zunehmend mit dem technologischen Ökosystem im Zeitalter des Internets verschmilzt, werden sich in Zukunft immer mehr Anwendungsfälle ergeben, bei der die Blockchain Technologie einen entscheidenden Beitrag zur Transaktionsabwicklung und zur Weiterentwicklung von Datenstrukturen leisten kann.

Was sind Security Tokens?

Auch die Unternehmensfinanzierung sieht sich zunehmend in großem Maße den Innovationen im Finanzbereich ausgesetzt. Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, die klassische Unternehmensfinanzierung und das traditionelle Wertpapiergeschäft auf den Kopf zu stellen. Verantwortlich dafür sind sog. Security Tokens - aktuell das am meisten diskutierte Thema in der Krypto-Welt. Viele Experten und Unternehmen sehen in ihnen die nächste Disruption.

Security Tokens werden in sogenannten Security Token Offerings (STOs) emittiert und sind mit wertpapierähnlichen Eigenschaften ausgestattet. Dank Security Tokens können real existierende Vermögensgegenstände in digitale Tokens umgewandelt werden (“Tokenization”). Auf diese Art und Weise ist es möglich, handelbare Finanzierungsinstrumente wie Aktien oder Genussscheine in digitale Vermögensgegenstände auf der Blockchain-Technologie “entmaterialisiert” - also ohne Urkunde oder Handelsregister - notieren zu lassen. Auch Zahlungen an die Wertpapierbesitzer wie Dividendenzahlungen können über Security Tokens abgebildet werden. Somit stellen Security Tokens eine Weiterentwicklung zu klassischen Wertpapieren wie Aktien oder Genussscheine dar. Zudem haben STOs das Potential, Aktienemissionen, wie sie bisher am Markt bekannt sind, herauszufordern. Token müssen dabei nicht immer auf ihrer eigenen Blockchain basieren, sondern können, wie das bekannteste Beispiel ERC20, als Token Standard auf einer bereits vorhandenen Blockchain aufgebaut werden, in diesem Falle die Ethereum Blockchain.

Security Token fordern klassische Wertpapiere heraus

Doch worin genau liegt der Vorteil von Security Tokens im Vergleich zu klassischen Wertpapieren? Typischerweise können vor allem kleinere oder mittlere Unternehmen Aktienemissionen aufgrund der hohen Kosten nicht als Finanzierungsinstrument nutzen. Allerdings könnten durch STOs Emissionskosten erheblich gesenkt werden, da Ausgaben in Bezug auf die Umsetzung der Platzierung überflüssig wären. Außerdem bieten die “digitalen Wertpapiere” gegenüber dem traditionellen Wertpapiergeschäft den Vorteil, in Zukunft jederzeit und unter geringeren Gebühren gehandelt werden zu können. Zudem wird das “Geld einsammeln” internationaler, sodass internationale Geldgeber sich einfacher an den Emissionen beteiligen können. Einige der Hauptvorteile sind in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1: Vorteile von Security Token

STOs sind aus den sogenannten Initial Coin Offerings (ICOs) hervorgegangen. Weit mehr als 10 Mrd. USD wurden 2017 und 2018 via ICOs in Startups investiert. Dabei wurden bis dato typischerweise Utility Tokens herausgegeben, die dem Käufer ein Recht auf zukünftige Dienstleistungen oder Ansprüche auf Produkte gewähren. Im Rahmen der großen ICO-Welle 2017 und 2018 gerieten auch betrügerische Emissionen in die Schlagzeilen. Allerdings ist nun der erste Hype vorüber, was sich am stark rückläufigen ICO-Volumen zeigt. Das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen Utility und Security Tokens ist, dass bei Security Tokens ein rechtlich anerkanntes Kapitalmarkt-Konstrukt mit den Zahlungen auf einer Blockchain gekoppelt werden.

Abbildung 2: Entwicklungsstufen des STO-Ökosystems

Bisher ist es für Startups kaum möglich, Security Token zu emittieren und zu handeln. Allerdings ist hier für 2019 ein deutlicher Fortschritt zu erwarten. Bereits zu Beginn des Jahres haben erste Krypto-Börsen begonnen, Dienstleistungen im Zusammenhang mit Security Tokens (z.B. Verwahrung, Listung, Due Diligence) anzubieten. Auch regulierte Wertpapierbörsen wie die Börse Stuttgart streben an, noch in diesem Jahr einen Handel mit Security Tokens zu ermöglichen; an Wertpapierbörsen auf Malta und in Liechtenstein sollen binnen weniger Monate erste STOs möglich sein. Dementsprechend können in absehbarer Zeit Wertpapiere digital nach maltesischem und liechtensteinischem Recht emittiert und gehandelt werden. Es ist folglich bereits erkennbar, dass STOs eine neue Form der Unternehmensfinanzierung mit durchweg positiven Zukunftsaussichten werden dürften, denn bereits jetzt planen unzählige Startups die Platzierung eines eigenen STOs.

Die Crypto-Szene rund um STOs wächst

Derzeit gibt es gerade in Europa interessante Aktivitäten im Bereich der Security Tokens. Hier sind beispielsweise die Projekte AZHOS und Eco Wave Coin zu nennen. AZHOS ist ein Startup im Bereich der Supply Chain Finanzierung. In enger Zusammenarbeit mit dem Mittelständler Orbit Logistics wird hier durch blockchain-basierte „Proof of Existence“ in den Spezialchemikalien-Lagern von Industriekonzernen die Liquidität der beteiligten Unternehmen optimiert. Ein weiteres Projekt im Bereich der erneuerbaren Energien ist das in Tel Aviv ansässige Unternehmen Eco Wave Power. Das innovative Startup plant und entwickelt weltweite Wellenenergie-Projekte. Eine bereits erfolgreich in den Betrieb genommene Anlage ist das Kraftwerk an der Küste von Gibraltar, welches unter anderem gefördert wird vom EU European Regional Development Fund. Mit dem Projekt Eco Wave Coin, einem ebenfalls in Gibraltar lokalisierten Security Token, werden hier weitere Projektvorhaben im Bereich der Energiewirtschaft finanziert.

AZHOS und Eco Wave Coin werden beide durch den in Frankfurt ansässigen, auf Crypto Assets spezialisierten, Dienstleister Blocksize Capital betreut. Das 2018 durch die erfahrenen Fintech-Gründer Christian Labetzsch und Christoph Impekoven gegründete Unternehmen übernimmt dabei die Orchestrierung der technischen sowie rechtlichen Umsetzung der STOs und stellt eine speziell auf Crypto Assets ausgerichtete Handelsinfrastruktur bereit.

Kein Preis ohne Fleiß - Herausforderungen

Die Herausforderungen bei der praxisbezogenen Anwendung von Security Token im Bereich der Unternehmensfinanzierung sind vielfältig - angefangen beim Wertpapierprospekt, über die Ausgestaltung der regulatorischen Know-Your-Customer-Anforderungen, bis hin zu den speziellen Ausgestaltungen der Smart Contracts. Insgesamt ist eine Technologieplattform erforderlich, die einen reibungslosen Onboarding-Prozess ermöglicht und zugleich mehrere Jurisdiktionen unterstützt. Für eine möglichst automatisierte Abwicklung sowie zur Einhaltung der Anti-Geldwäsche-Bestimmungen, werden digitale Authentifizierungsprovider eingebunden. Nur so können ICOs - als STOs - mit geltendem Kapitalmarktrecht vereinbart werden. Trotz all dieser Herausforderungen hat es die Firma Bitbond Finance GmbH mit Sitz in Berlin kürzlich als erstes deutsches Blockchain Unternehmen geschafft, eine Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zur Ausgabe virtueller Wertpapiere zu erhalten.

Und in Zukunft?

Der erste Hype rund um Kryptowährungen und um Blockchain ist verflogen. Nun liegt der Fokus auf der produktiven Weiterentwicklung und Anwendung der Blockchain-Technologie für konkrete Use Cases. Die Technologie hat aktuell eine Marktdurchdringung von weniger als einem Prozent. Allerdings wird sich die Technologie in den nächsten 10-15 Jahren hinsichtlich verschiedener Arten von Finanztransaktionen und weiterer Anwendungsbeispiele durchsetzen. Wir befinden uns mit der Blockchain Technologie in einer ähnlichen Entwicklungsphase wie das Internet in den 90er Jahren, weswegen es sich als schwierig herausstellt, exakte Prognosen zur nächsten Innovation in der Crypto Szene abzugeben.

Insgesamt sind Security Tokens aber bereits jetzt eine wichtige Innovation, die Wertpapieremissionen und die Unternehmensfinanzierung für Startups grundlegend neu definieren könnte. Mit der steigenden Anzahl an Börsen, die Security Token-Dienstleistungen anbieten, wird auch das Angebot und die Professionalisierung stetig steigen. Daher gilt es abzuwarten und gespannt zu bleiben, was der Markt in Zukunft für digitale Lösungen zur Finanzierung eines Unternehmens bereitstellen wird. 

MINI-VITA:

Prof. Dr. Philipp Sandner

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management, welches im Februar 2017 initiiert wurde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) führte ihn 2018 als einen der „Top 30“ Ökonomen Deutschlands auf. Weiterhin gehört er laut Capital Magazin zu den „Top 40 unter 40“. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Crypto Assets, Distributed Ledger Technology (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Tokens (STOs), Digitalisierung und Entrepreneurship. Sie können ihn per Mail (email@philipp-sandner.de), über LinkedIn oder über Twitter kontaktieren.

Felix Bekemeier

Felix Bekemeier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurt School Blockchain Center. Sie können ihn per Mail (felix.bekemeier@fs-blockchain.de) oder über LinkedIn kontaktieren.

Christoph Impekoven

Christoph Impekoven ist Gründer und Geschäftsführer von Blocksize Capital sowie dem FinTech micobo mit Sitz in Frankfurt. Sie können ihn per Mail (ci@blocksize-capital.com) oder über LinkedIn kontaktieren.

Christian Labetzsch

Christian Labetzsch ist Gründer und Geschäftsführer von Blocksize Capital sowie dem FinTech micobo mit Sitz in Frankfurt. Sie können ihn per Mail (cl@blocksize-capital.com) oder über LinkedIn kontaktieren.

Disclaimer
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte dieser Aussendung. Für den Inhalt verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. Soweit wir Ihnen steuerliche oder rechtliche Informationen liefern, stellen diese keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die hier enthaltenen Aussagen sind nicht als Angebot oder Empfehlung bestimmter Produkte oder Dienstleistungen zu verstehen. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Produkte oder deren Emittenten, Dienstleister oder Anbieter explizit erwähnt werden. Sofern die Inhalte und Informationen von Dritten zur Verfügung gestellt wurden bzw. Meinungen Dritter wiedergegeben werden, müssen diese nicht mit unserer Auffassung im Einklang, sondern können sogar im Widerspruch hierzu stehen. Bei Fragen zu rechtlichen oder steuerlichen Auswirkungen im Einzelfall wenden Sie sich bitte in jedem Fall vorher an Ihren Rechts- oder Steuerberater.

WEITERE BEITRÄGE AUS DER FIDOR WELT

KRYPTO

Krypto-Steuer:
So geht‘s

Steuern auf Bitcoin, Ether und andere Kryptowährungen: Muss ich das wirklich zahlen und wie macht man das überhaupt? Wir verraten dir, was du bei der Steuererklärung für Kryptos beachten musst.

Erfahre mehr

KRYPTO

Jahresausblick: Wird 2020 das Jahr für Kryptos?

Mal gehypt, dann verdammt: Weshalb nicht nur der Kurs von Bitcoin und Co. stark schwankt und warum 2020 ein Boomjahr für Kryptos werden könnte.

Erfahre mehr

KRYPTO

Ist die Libra Coin eine Bedrohung für Banken?

Anders als beim Bitcoin, der große Preisschwankungen zeigt, soll Libra eine stabile Währung sein. Das Projekt hat das Potenzial, Transaktionskosten – vor allem für grenzüberschreitende Transaktionen für Millionen von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern – deutlich zu senken.

Erfahre mehr