Plastik als Währung? Blockchain macht's möglich!

Published on 20. December 2018
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Plastik als Währung? Blockchain macht's möglich!

Die Ozeane versinken durch den Verpackungswahnsinn im Müll. Das globale Plastik-Problem geht alle an. Wir verraten dir, wie Plastik per Blockchain-Technologie zu Geld wird und warum das den Ärmsten der Armen hilft.

Plastik, soweit das Auge reicht.

Fast jeder dürfte die Bilder des pazifischen Müllstrudels kennen. Der Teppich aus Plastikmüll im Pazifik, auf Englisch „Great Pacific Garbage Patch“ (GPGP), wächst und wächst: Inzwischen hat er die fünffache Größe Deutschlands erreicht. Und es gibt in den Ozeanen noch mindestens vier weitere riesige Müllstrudel. Ein Video der NASA zeigt, wie sich der Müll in den Weltmeeren zu Strudeln formt.

Ebenfalls schockierend: Bilder von Meeresschildkröten, die an Plastikstrohhalmen jämmerlich ersticken, und Delphinen, die in treibenden Fischernetzen qualvoll verenden. Forscher haben errechnet, dass 2050 mehr Plastik im Meer schwimmen könnte, als dort Fische leben.

 

Mikroplastik besonders gefährlich

220,5 Kilo. Soviel Verpackungsmüll pro Kopf ging 2016 auf das Konto der Deutschen. „Wir produzieren viel zu viel Verpackungsmüll – ein trauriger Spitzenplatz in Europa“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts (UBA). Beim Plastik-Verpackungsmüll bei Privatpersonen gab es einen minimalen Rückgang auf 24,9 Kilogramm pro Kopf und Jahr – 2015 waren es 25 Kilo.

Besonders gefährlich für Mensch und Umwelt ist das sogenannte Mikroplastik. Die winzigen Kunststoffteilchen gelangen über Abwassersysteme in Flüsse und Meere und finden sich in der Nahrung. Vor kurzem wurde erstmals Mikroplastik im Menschen nachgewiesen. Höchste Zeit also zu handeln.

Neues Verpackungsgesetz ab 1.1.2019

Im Kampf gegen den Plastikmüll will die EU-Kommission Einweg-Geschirr und Besteck aus Plastik verbieten. Das gleiche soll für Trinkhalme, Halter für Luftballons und Wattestäbchen gelten. Aus solchen Abfällen besteht ungefähr die Hälfte des Plastikmülls, der an europäischen Stränden angespült wird. In Deutschland tritt ab 1. Januar 2019 ein neues Verpackungsgesetz in Kraft. Dann muss zumindest das Kunststoffrecycling der Verpackungen weiter gesteigert werden, die im dualen System anfallen.

Meeresstaubsauger-Projekt mit Problemen

Inzwischen gibt es weltweit mehrere Projekte, die den Kampf gegen den Plastikmüll aufgenommen haben. Das bekannteste davon heißt „The Ocean Cleanup Project. Mit einem riesigen Meeresstaubsauger sammelt Unternehmensgründer Boyan Slat seit September 2018 im Pazifik treibendes Plastik ein. Doch momentan stockt das ambitionierte Projekt, immer wieder gelangen Plastikteile aus den Fangarmen des Gerätes zurück ins Meer. Und Mikroplastik befindet sich nicht in erreichbarer Nähe der Filteranlagen von The Ocean Cleanup. Kritiker sprechen gar von einem Scheitern. Das Team um den 24-jährigen Gründer versucht nun nachzubessern.

Müllsammler als Rohstofflieferanten

Einen anderen Ansatz im Feldzug gegen den Plastikmüll im Meer verfolgt die 2013 gegründete „Plastic Bank“: Es gehe darum, Plastik nicht mehr als Müll zu sehen und Menschen, die Plastik sammeln, nicht als Müllsammler, sondern als Rohstofflieferanten, erläuterte Shaun Frankson, einer der Gründer von Plastic Bank kürzlich auf der diesjährigen me Convention in Stockholm. Oder noch plakativer: „Plastic Bank stoppt den Plastikmüll im Ozean und reduziert gleichzeitig Armut“ wie es übersetzt auf der Website des Unternehmens aus dem kanadischen Vancouver heißt. Das ehrgeizige Ziel: Eine Milliarde Menschen sollen einmal mithelfen, Abfall zu Geld zu machen und dabei die Lebensqualität in Gegenden mit viel Armut und viel Verschmutzung durch Plastikmüll zu verbessern. „Um das zu erreichen, bietet Plastic Bank einen einheitlichen, über dem Markt liegenden Preis für Kunststoffabfälle an, wodurch das Sammeln von Plastikmüll gefördert wird. Einzelpersonen, die unser Plastik sammeln, können es gegen Geld, Gegenstände oder Dienstleistungen eintauschen“, sagt David Katz, Plastic Bank-Gründer Nummer zwei.

Haiti: 3 Millionen Tonnen Plastikmüll

Zum Beispiel in Haiti: Dort hat das Team um Katz und Frankson bereits 32 Plastic Bank-Filialen aufgebaut. Über 2.000 Müllsammler sind in das örtliche Programm eingebunden und haben seit 2014 drei Millionen Kilo Plastikmüll eingesammelt. Seit Ende 2016 gibt es auch auf den Philippinen in Manila City eine Pilotfiliale von Plastic Bank. Dort arbeitet das Unternehmen mit einer örtlichen Vereinigung von Müllsammlern zusammen, um ein Kooperationsmodell zu schaffen. Dadurch soll sowohl die Menge des gesammelten Mülls erhöht, als auch die Lebensbedingungen der Sammler verbessert werden. Die Philippinen sind laut einer Studie der Ellen MacArthur Foundation der drittgrößte Plastikmüllverursacher der Welt, in den Schatten gestellt nur von China und Indonesien. Das durch Plastic Bank gesammelte Plastik wird recycelt und als „Social Plastic“ zu Bestpreisen verkauft. Um aus einer einfachen Idee eine weltweite Bewegung zu machen, setzen die Plastic Banker auf die Blockchain. Und das macht das Ganze dann doch etwas komplizierter…

Blockchain: Die Neuerfindung des Internets

Blockchain, Kryptowährung und Bitcoin. Klar, davon hast du schon gehört – aber wie funktioniert das Ganze nochmal? Das Erklären übernimmt am besten ein Experte: Dr. Andreas Ittner vom Blockchain Competence Center der Hochschule Mittweida. „Bei der Blockchain handelt es sich um eine spezielle Datenbank, die wie ein digitales Kassenbuch sämtliche Transaktionen speichert und dabei dezentral organisiert ist“, sagt der Informatik-Professor. Zu ihrem Namen kam die Blockchain übrigens aufgrund ihrer Struktur einer Kette aus verschlüsselten Datenblöcken. „Entscheidend ist, dass das Journal vom Netzwerk der User aktuell gehalten und verifiziert wird“, sagt Ittner und ergänzt: „Im Kern geht es dabei um nichts Geringeres als die Neuerfindung des Internets.“ Kein Wunder, dass das neu geschaffene Blockchain Competence Center der Hochschule Mittweida nach der revolutionären Technologie benannt wurde, die wiederum gewissermaßen das Herzstück des Digitalgelds Bitcoin ist.

Das Online-Bezahlsystem, welches ohne Banken auskommt, ist seit einem exorbitanten Kursanstieg 2017 – und einem ebenso rasanten Kursverlust in jüngster Zeit – in aller Munde. Seit Jahresbeginn 2018 hat der Bitcoin fast 70 Prozent seines Werts eingebüßt und den Kryptomarkt in Panik versetzt. Obwohl die Blockchain im Verbund mit Bitcoin entwickelt wurde, sei sie äußerst vielseitig einsetzbar, betont Ittner: „Als verteiltes Buchführungssystem, auch Distributed Ledger Technologie genannt, kann sie nämlich auch ganz andere Werte verwalten: Informationen über Grundstücke, Gesundheitsdaten, Pass-Informationen, Vertragsbedingungen oder Lieferketten beispielsweise.“

Plastic Bank sammelt Likes

Im Fall der Plastic Bank hat die Blockchain einen greifbaren Nutzen für die Plastiksammler: Leistungen wie Internetzugang, Essen oder medizinische Hilfe können durch die Technologie konkreten Personen zugeordnet werden. Dass nicht mit „echtem“ Geld bezahlt wird, sei für die Ärmsten der Armen besonders hilfreich, erläuterte Marie Wieck, IBM-Managerin, auf der me Convention. Die Plastic Bank-Macher setzen die Blockchain-Technologie von IBM ein. Oft genug seien die Ärmsten der Armen, die Plastik sammeln, Frauen und Kinder, so Wieck. Sobald diese Bargeld in den Händen hielten, werde es ihnen häufig weggenommen. In den sozialen Medien begeistert Social Plastic schon jede Menge Menschen: Über eine Million Likes hat die Bank, die keine sein will, bereits eingesammelt.

Blockchain: Ständig etwas Neues

Aber was ist mit den riesigen Mengen an Energie, die beispielweise für das Mining, also das Schürfen, von Kryptowährungen wie Bitcoin benötigt wird? Nach Daten des Bitcoin Energy Consumption Index verbrauchte eine einzige Bitcoin-Transaktion im Dezember 2018 geschätzte 455 kWh. Damit könnten in den USA 15 Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgt werden. Ersetzt der Plastic Bank-Ansatz also nicht ein Übel durch ein anderes? Shaun Frankson beschwichtigt: Der hohe Energieverbrauch gelte keineswegs für jede Blockchain. Außerdem gebe es ständig etwas Neues in Sachen Technologie.

Bleibt als Kritikpunkt, dass die Sammler der Plastic Bank nur die Symptome bekämpfen, nicht aber die Ursachen des Plastikmülls. Doch hier ist der Einzelne gefordert: „Jeder Verbraucher, aber auch die Industrie muss sich dringend Gedanken darüber machen, wie man den Verpackungsmüll reduzieren kann“, sagt Dr. Bernhard Bauske. Der Plastikmüll-Experte der Umweltschutzorganisation WWF gibt Tipps, wie sich Verpackungsmüll reduzieren lässt: Zum Beispiel einen Stoffbeutel zum Einkaufen mitnehmen, auf den Coffee to go verzichten und unverpacktes Obst und Gemüse kaufen. „Und natürlich sollte man seinen Müll richtig trennen und entsorgen.“