Pink (Period) Tax

12.03.20
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Pink (Period) Tax

Tampons sind teuer. Rasierklingen für Frauen kosten mehr als jene für Männer. Ein Damenhaarschnitt summiert sich mindestens auf den doppelten Preis eines Herrenschnitts – auch bei Kurzhaarfrisuren. Warum ist das Leben als Frau so unverschämt teuer? Muss das sein?

Edit: Dieser Artikel erschien zum ersten Mal im März 2020 anlässlich des Internationalen Frauentages. Vor Corona, vor dem Brexit. Gefühlt in einem anderen Leben. Wie viel kann innerhalb eines Jahres passieren? Mehr, als wir jemals gewagt hätten, uns vorzustellen. Abstandsregeln, Maskenpflicht, Kurzarbeit - vieles ist plötzlich anders als alles, was wir bisher kannten. Doch wie sieht es mit der Pink Tax aus? Hat sich im vergangenen Jahr etwas getan an der unverschämten rosa Steuer-Front? Und wie steht's mit den mehrwertsteuerbefreiten Menstruationsartikeln, die zum 1. Januar 2021 angekündigt wurden? Ein Jahr später, zum Internationalen Frauentag 2021, wird es Zeit für ein Fazit. Der ursprüngliche Beitrag bleibt dabei unberührt, das Update folgt weiter unten, unter der Überschrift "Ein Jahr später...".

Die Nachrichten, die in den letzten Monaten, was sag ich, in den letzten Jahren, aus dem Vereinigten Königreich in Richtung Kontinentaleuropa dringen, haben meist etwas gemeinsam: das X.

Ob Brexit oder Megxit, irgendwas wird immer abgeschafft. Umso erfreulicher, dass der neuste –xit aus UK einer ist, um den wir das britische Volk wirklich beneiden. Oder besser gesagt: das schottische. Selbiges entledigt sich nun einer Sache, die wirklich kein Mensch braucht. Teurer Menstruationsprodukte nämlich. Also nicht der Damenhygieneutensilien an sich, sondern dem Attribut „teuer“.
Tampons, Binden und Co. werden in Schottland zukünftig komplett kostenfrei vom Staat zur Verfügung gestellt– und das jeder, die sie braucht.

 

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Schottland als Role Model

Zwar wurde das Gesetz, das auf eine Initiative der Labour-Abgeordneten Monica Lennon zurückgeht und in kürzester Zeit zahlreiche Unterstützer:innen fand, zunächst vom schottischen Parlament abgelehnt – eine Allparteienallianz boxte das neue Gesetz dann schlussendlich aber doch durch. Halleluja! Erste Änderungsanträge werden zwar bereits diskutiert, für den Moment freuen wir uns aber einfach mal mit den Schotten über ihren „Tampxit“.

Laut dem frisch verabschiedeten Gesetz werden sich die Kosten für die frei verfügbaren Periodenprodukte auf gut 24 Millionen Pfund (ungefähr 30 Millionen Euro) jährlich belaufen. Eine stolze Summe, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese bisher ausschließlich von menstruierenden Menschen aufgebracht werden musste. Zukünftig kommt das Geld also aus dem Steuertopf – eine, wie ich finde, längst überfällige Gerechtigkeit, die allerdings recht kontrovers diskutiert wird. Dabei stellt die hohe Besteuerung dieser Produkte eine Diskriminierung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts dar, die - zumindest in Deutschland – dem Grundgesetz widerspricht.

Im restlichen Vereinigten Königreich beträgt der Mehrwertsteuersatz auf Periodenprodukte übrigens 5 %. Die Regierung von David Cameron wollte diesen vor einigen Jahren zwar komplett abschaffen, musste sich allerdings den strengen EU-Vorgaben zur Mehrwertsteuer beugen.

Das Ende der Tampon-Steuer

In Australien hingegen wurde die „Tampon-Steuer“ mit Beginn des Jahres 2019 gänzlich abgeschafft.
„Die gute Nachricht für Frauen in ganz Australien ist, dass wir heute beschlossen haben, die Steuer auf Damenhygiene-Produkte wegfallen zu lassen. Der gesunde Menschenverstand hat sich durchgesetzt. Diese durch die Regierung angeführte Reform ist lange überfällig“ sagte der australische Schatzkanzler Josh Frydberg im Oktober 2018.

Und in Deutschland? Nun, wir dürfen uns zumindest über einen ersten Teilerfolg freuen. Denn nachdem Periodenprodukte seit jeher mit 19 % besteuert wurden und somit als Luxusgut galten – übrigens gleichgesetzt mit Wachteleiern und Trüffeln, was natürlich absolut Sinn ergibt, denn selbstverständlich könnte man sich statt einer schnöden Damenbinde auch einfach einen weißen Trüffel in den Slip kleben, wäre ja zumindest biologisch abbaubar und frei von chemischen Giftstoffen – wurde der Steuersatz Anfang 2020 endlich auf 7 % gesenkt. Nun sind Tampons und Binden also auch endlich vor dem Gesetz das, was sie für Millionen von Menschen schon immer waren: unverzichtbare Alltagsgegenstände.

Pink Tax – Warum ist rosa teurer als blau?

Während wir periodentechnisch also langsam aber sicher auf dem Weg zu finanzieller Gerechtigkeit sind, müssen sich Frauen in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens allerdings immer noch mit einem Phänomen herumschlagen, das treffenderweise auch noch den verniedlichenden Namen Pink Tax trägt.

Pink Tax, aus dem Englischen übersetzt als „Rosa Steuer“, bezeichnet keine echte, an den Staat zu entrichtende Steuer, sondern einen Mehrpreis, den die Unternehmen auf speziell für Frauen zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen erheben. Gleichartige, an die männliche Zielgruppe ausgerichtete Produkte kosten hingegen deutlich weniger.

Besagte Produkte und Dienstleistung unterscheiden sich weniger in ihren Eigenschaften oder Herstellungsprozessen, sondern lediglich in ihrem Aussehen, dem Branding, der Vermarktung. Die hohe Preisdifferenzierung ist also mitnichten gerechtfertigt, sondern basiert vielmehr auf genderspezifischen Stereotypen.

Frauen sehen sich hier also nicht nur höheren Kosten für gleiche Leistung ausgesetzt, sie zahlen sowieso drauf. Denn immer noch werden weiblich gelesene Menschen in unserer Gesellschaft finanziell benachteiligt. „Typische“ Frauenberufe werden schlecht bezahlt, Jobs gerne an männlich Mitbewerber vergeben, die gar nicht erst schwanger werden können, und hat sich Frau nach der Elternzeit erfolgreich in den Berufsalltag zurückgekämpft, landet sie häufig in der Teilzeitfalle. Doch auch wenn der Frauenanteil in vielen Unternehmen, gerade auch in den nicht typisch weiblichen Bereichen, stark zunimmt, klafft doch noch immer viel zu häufig das hartnäckige Gender Pay Gap zwischen den einzelnen Gehältern.
Frauen werden also dazu genötigt, von ihrem bereits deutlich geringeren Vermögen deutlich mehr für Produkte des täglichen Bedarfs auszugeben.

Diskriminierung per Gesetz

Wer behauptet, diese Probleme seien hausgemacht und mit passender Ausbildung und dem richtigen Mindset durchaus zu überwinden, dem sei die aktuelle Debatte um Delia Lachance empfohlen. Die Gründerin – zugleich auch CCO und Vorstandsmitglied – des Möbel-E-Commerce Westwing ist schwanger und wird dementsprechend Mutterschutz in Anspruch nehmen. Doch deutsche Gesetze zwingen sie, für selbigen ihre Ämter niederzulegen.

„Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland sehen für Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften aktuell nicht die Möglichkeit vor, Mutterschutz sowie Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Aus diesem Grund ist Delia Lachance zum 1. März 2020 von ihrem Amt als Vorstandsmitglied zurückgetreten. Ihr Mutterschutz und die darauffolgende Elternzeit werden voraussichtlich sechs Monate dauern.“ lautet das zugehörige Statement von Westwing.

„Der Fall, dass Vorstandsmitglieder eines börsennotierten Unternehmens eine Auszeit nehmen, wenn sie Mutter oder Vater werden, ist nicht vorgesehen. Gleiches gilt für Aufsichtsratsmandate. Das Problem ist dabei in der Regel nicht das Geld. Das Problem ist die Haftung. Denn ich kann mich bei Entscheidungen eines Aufsichtsrats nicht enthalten, um der Haftung zu entgehen, noch meine Stimme an ein anderes Aufsichtsratsmitglied übertragen. Für Vorstände ist es noch schwieriger, da sie komplett weiter ins Tagesgeschäft eingebunden sind und die volle Verantwortung für ihr Ressort tragen. Diese Gesetzeslage spricht Bände über unser Familienbild im Jahr 2020.“ Schreibt Verena Pausder in ihrem Kommentar dazu auf Xing.

Das geltende, deutsche Recht verhindert also nicht nur junge Mütter im Aufsichtsrat, sondern nimmt auch zugleich den Vätern in entsprechendhttps://www.xing.com/profile/Verena_Pausderer Position die ihnen zustehende Chance auf Elternzeit – was wiederum die jeweiligen Partner:innen dazu zwingt, zu Hause beim Kind zu bleiben und auf ein eigenes Einkommen zu verzichten. Selbige dürfen dann aber beim allmorgendlichen Drogerieeinkauf nicht nur Windeln in den Einkaufswagen packen, sondern auch nach Pink Grapefruit duftendes, penetrant glitzerndes Rasiergel zum überhöhten Preis. Ein Teufelskreis.

Systemsprenger

Die Verbraucherzentrale Hamburg rät, wenn möglich die genderspezifischen, rosa eingefärbten Produkte links liegen zu lassen und stattdessen das männliche Äquivalent zum schmalen Taler zu erwerben. Ein pragmatischer Tipp, der sich im Alltag durchaus realisieren lässt. Und wenn jede:r mitmacht, könnte dies eine Aktion mit nachhaltiger Wirkung sein. Denn wenn niemand mehr die überteuerten Produkte für die Frau erwirbt, wird die Industrie nachziehen und das Angebot der Nachfrage anpassen müssen.

Unrealistisch? Nein. Ambitioniert vielleicht, aber durchaus realistisch. Denn den gesenkten Mehrwertsteuersatz auf Periodenprodukte verdanken wir nicht einem glücklichen Zufall, sondern dem hartnäckigen und unermüdlichen Einsatz von Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra, die ihre Petition erfolgreich zur Abstimmung in den Bundestag brachten.

Das Beispiel der beiden zeigt, dass wir die Macht haben, bestehende Ungerechtigkeiten zu ändern. Es lohnt sich zu kämpfen. Für günstige Periodenprodukte. Für Mütter im Aufsichtsrat. Und für genderneutrale Preise im Supermarkt.

We can have it all!

Übrigens…

Während ich an diesem Artikel schreibe, trudelt eine Newsmeldung aus England ein. Das übrige (also nicht-schottische) Großbritannien wird die auf Menstruationsprodukte erhobene Mehrwertsteuer  komplett abschaffen. Die neue Regelung tritt allerdings erst zum 1. Januar 2021 in Kraft, da in der aktuellen Brexit-Übergangsphase immer noch besagte EU-Verordnung gilt (und die Abschaffung verhindert). Da soll noch mal einer sagen, dieser Brexit sei zu nichts nutze…

Ein Jahr später...

März 2021. Ein Jahr nach der Bekanntgabe ihres Rückzugs aus der ersten Reihe der royalen Familie dominieren Meghan und Harry wieder die Schlagzeilen. Diesmal bewusst und selbstgewählt, offensiv und zu ihren Bedingungen. Über das Interview mit Oprah mag man denken, was man mag. Die Freude darüber, dass den beiden der Absprung aus dem offensichtlich toxischen Palast gelungen ist, sollte allerdings ein jeder teilen, der einen Hauch Empathie im Herzen trägt. Auch der Brexit ist vollzogen, Last Minute zwar, aber er ist da.

Doch wie sieht es mit dem britischen Versprechen aus, zum 1. Januar 2021 die Mehrwertsteuer auf Menstruationsartikel zu streichen? Nun, Mission geglückt. Die Briten sind uns einen Schritt voraus und haben die unnötige Steuer in der Tat abgeschafft. Congrats! Doch obwohl der damalige britische Premierminister Cameron die Abschaffung der Tampon-Steuer bis vors EU-Parlament brachte, hat sich in den übrigen europäischen Ländern immer noch nichts getan. In Deutschland zahlen wir also weiterhin gezwungenermaßen Abgaben auf Tampons und Binden, die sich immer noch in überfüllten Drogerieregalen tummeln, direkt neben den extrateuren rosablümcheneinhornfunkelnden Produkten für Meeedchen. 

Ernüchternd? Frustrierend? Nicht nur. Denn an anderer Stelle tut sich was. Nach einem halben Jahr Babypause ist Delia Lachance zum 1. November 2020 wie geplant zu Westwing zurückgekehrt - in Teilzeit zwar, aber sie ist zurück.
Unternehmerin Verena Pausder gründete zwischenzeitlich eine Initiative, die das angestaubte Gesetz, das Vorstandsmitgliedern Mutterschutz und Elternezeit untersagt, ändern möchte. Unter dem Arbeitstitel #stayonboard fordern die Initiator:innen die Möglichkeit einer temporären Mandatsniederlegung für Vorstandsmitglieder bei Muttschutz, Elternzeit und Krankheit. Seit Ende Februar debattiert der Bundestag nun in einer ersten Lesung den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Führungspositionsgesetzes. Es bleibt also spannend. Wir werden sehen, wo wir in zwölf Monaten stehen, wenn wir anlässlich des Internationalen Frauentags 2022 einen erneuten Blick auf die Pink Tax und die systemische Diskrimminierung werfen.

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