Mobile Payment in China – Innovationen ohne Datenschutz?

Published on 29. October 2019
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Mobile Payment in China – Technologien und die Datenschutzfrage

Mobiles Bezahlen ist in China fast so normal wie atmen. Warum WeChat Pay und Alipay boomen und wie Bezahlen mit einem Lächeln funktioniert.

Schweden gilt als „bargeldloseste Gesellschaft der Welt“: Über 80 Prozent ihrer Einkäufe tätigen die Schweden schon bargeldlos. Das skandinavische Land ist Vorreiter in Sachen digitale Bezahldienste. Doch beim mobilen Bezahlen hat Asien die Nase vorn: Bereits 2012 nutzten in der Asien-Pazifik-Region 85 Millionen Menschen mobile Bezahlverfahren.

Bezahlen per Smartphone boomt

Während sich die asiatischen Märkte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden, gilt für China der eindeutige Befund: Mobiles Bezahlen boomt. Spontan Schuhe shoppen, schnell auf dem Weg zur Bahn einen Kaffee zum Mitnehmen kaufen – Chinesen zücken beim Bezahlen am Kassenterminal ganz selbstverständlich ihr Smartphone. Das Transaktionsvolumen im Segment „Mobile POS Payments“ wird 2019 etwa 514.87 Millionen Euro betragen, mit einer jährlichen Steigerungsrate von knapp 30 Prozent. Das ist nach einer Analyse von Statista der weltweit höchste Wert.

Der größte E-Commerce-Markt der Welt

Die Internetwirtschaft – und auch der Markt für Mobile Payment-Lösungen – wird in China neben Alibaba von Tencent dominiert: Die beiden chinesischen Unternehmen folgen in der Rangliste der zehn börsennotierten Internet-Unternehmen mit dem höchsten Marktwert dicht auf Google, Amazon und Facebook. Der „digitale Faktor“ werde im größten E-Commerce-Markt der Welt immer wichtiger, urteilen Experten: Er dürfte laut einer Studie von AliResearch und der Boston Consulting Group bis 2021 an etwa 90 Prozent aller Kauftransaktionen in China beteiligt sein.

Die großen Drei beim mobilen Bezahlen

Der chinesische Großkonzern Alibaba Group, zum dem AliResearch gehört, ist weltweit Markführer beim kontaktlosen und mobilen Bezahlen: Alibabas Bezahldienst Alipay hat nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Ipsos inzwischen 940 Millionen Nutzer. Alipay gehört gemeinsam mit WeChat Pay (740 Millionen Nutzer) und dem Kreditkartenanbieter UnionPay (150 Millionen Nutzer) in China zu den großen Drei beim mobilen Bezahlen.

Alipay auf Schloss Neuschwanstein

Auch nach Europa streckt Alipay seine Fühler aus: Der chinesische Zahlungskonzern ist seit Januar 2019 bei der Finanzaufsicht in Luxemburg als E-Geld-Institut registriert. Außerdem kooperiert der Tech-Gigant seit kurzem mit Bluecode. Das österreichisch-schweizerische Startup will zum europäischen Standard beim Bezahlen übers Smartphone werden. Bluecode plant gemeinsam mit Alipay und fünf weiteren europäischen Anbietern ein gemeinsames QR-Code-Format, berichtet „Der Standard“.

QR-Code am Kassenterminal

In China ist neben NFC die QR-Technologie beim mobilen Bezahlen verbreitet. Das funktioniert beim Händler so: An der Kasse wird auf einem Bildschirm ein QR-Code generiert, dieser wird vom Kunden mittels einer App gescannt und die Zahlung anschließend bestätigt. Bereits jetzt können Besucher aus China Kassenterminals in Deutschland zum Bezahlen nutzen: Unter anderem auf Schloss Neuschwanstein, Bayerns Top-Touristen-Magnet. Dort weist ein Schild gut sichtbar darauf hin, dass dort mit Alipay bezahlt werden kann. Auch Unternehmen wie Galeria Kaufhof und die Drogerieketten Rossmann und dm bieten seit einigen Monaten das Bezahlen per Alipay an.

Touristen aus China: lukrative Zielgruppe

Babynahrung, Pflegeprodukte und Bioware stehen auf der Shoppingliste der chinesischen Touristen –die für deutsche Unternehmen zur lukrativen Zielgruppe geworden sind. „Bereits 2020 werden pro Jahr voraussichtlich mehr als 160 Millionen Chinesen ins Ausland reisen – viele davon auch nach Europa und Deutschland. Als Resultat dieses Trends wachsen die Konsumentenausgaben über Alipay in Deutschland dieses Jahr sehr stark; im Vergleich zum letzten Jahr sind die Ausgaben bereits 2,5-Mal so hoch“, sagt Roland Palmer, Head of Alipay Europe.

Wirecard kooperiert mit UnionPay

UnionPay, eine Vereinigung der kartenausgebenden Banken Chinas unter Aufsicht der chinesischen Zentralbank, ist ebenfalls auf weltweitem Expansionskurs. Die chinesische Kreditkartenorganisation kooperiert seit kurzem mit dem deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard. Die strategische Partnerschaft soll UnionPay bei der internationalen Expansion helfen und das Wachstum von Wirecard in China fördern und die Geschäfte mit chinesischen Unternehmen ankurbeln.

Datenschutzbedenken Fehlanzeige

China boomt und Deutschland hinkt hinterher? Den chinesischen Mobile Payment-Platzhirschen kommt nicht nur die Zeitfrage – WeChat Pay gibt es seit 2014, Alipay bereits seit 2004 – entgegen, sondern auch die Tatsache, dass Datenschutzbedenken in China wenig ausgeprägt sind. So sei beispielsweise bei Alipay unklar, wer alles Einblick in die Daten bekommt, die beim mobilen Bezahlen generiert werden, warnt etwa Jochen G. Fuchs von t3n.

Bezahlen per Gesichtserkennung

Das Bezahlen per Handy und QR-Code ist dabei in China fast schon wieder Schnee von gestern: Die mobile Zahlungsinfrastruktur entwickelt sich rasant weiter. So können der Mittagssnack in der Bäckerei oder die Medikamente in der Apotheke inzwischen landesweit mittels Gesichtserkennung bezahlt werden. Die Kunden kaufen ein, indem sie sich vor mit Kameras ausgestattete Kassensysteme stellen. Bedingung, damit die neue Technik funktioniert: Sie müssen zuvor ein Bild ihres Gesichts mit einem digitalen Zahlungssystem oder Bankkonto verknüpft haben.

Smile to pay

Doch die Software hinter der Gesichtserkennungstechnologie, die in China zum Bezahlen eingesetzt wird, ist schwer in die Kritik geraten: Sie wird auch zur Überwachung von Bürgern eingesetzt. So sollen damit nicht nur Verkehrssünder geschnappt und Kriminelle überführt worden sein, sondern auch Dissidenten überwacht und bekämpft. Trotzdem ist das Bezahlen per Gesichtserkennung bereits auf Chinas Shoppingmeilen angekommen. Alipay prognostiziert ein enormes Wachstum für die Technologie. Das Unternehmen will in die Weiterentwicklung seines „Smile to pay“-Systems, das es seit 2017 gibt, in den nächsten drei Jahren umgerechnet 420 Millionen US-Dollar investieren. Auch Konkurrent Tencent bringt sich mit WeChat-Pay in Position und stellte im August sein neues Gesichtserkennungskassenterminal „Frog Pro“ vor.

Beauty-Filter als Lösung

Der Datenschutz und ein Verlust der Privatsphäre scheint dabei vielen Nutzern in China egal zu sein, vielmehr ist es nach einer Umfrage des Nachrichtenportals Sina Technology Eitelkeit, die sie davon abhält, die Technik zum Bezahlen zu nutzen: Über 60 Prozent der Befragten sagten, sie würden sich „hässlich“ fühlen, wenn sie ihre Gesichter zum Bezahlen scannen ließen. Die Reaktion von Alipay? Das Unternehmen will nun einen Schönheitsfilter in die Gesichtserkennungskameras einbauen, um der Technik zum Durchbruch verhelfen...