Lebensmittelbranche: Wie Deutschland is(s)t

Published on 28. September 2020
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Lebensmittelbranche: Wie Deutschland is(s)t

Deutschland, deine Lebensmittelbranche: Preiskampf der Discounter, Fleischüberschuss und Höfesterben. Das stimmt und geht doch auch anders. Wie fairer Handel funktioniert und warum Bio in Corona-Zeiten boomt.

Die 'Geiz ist geil'-Mentalität ist gerade bei Lebensmitteln hochgefährlich“, sagt Horst Seehofer, damals Verbraucherschutzminister, 2005 der „Bild“-Zeitung. „Die Geiz ist Geil-Mentalität gerade der Discounter ist nicht hilfreich“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied 2020 der „Berliner Morgenpost“ und kritisiert die niedrigen Lebensmittelpreise in Deutschland. 15 Jahre liegen zwischen beiden Zitaten – geändert hat sich anscheinend wenig. Ursprünglich ein Werbeslogan der Elektronikkette Saturn, ist „Geiz ist geil“ längst zum dauerhaften Phänomen in der Lebensmittelbranche geworden. Zwar steigen die Konsumausgaben für Nahrungsmittel privater Haushalte seit Jahren – 2019 lagen sie laut Statista bei 161,9 Milliarden Euro. Trotzdem geben die Deutschen im europäischen Vergleich weiterhin wenig Geld für Lebensmittel aus. Der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel am Gesamtbudget liegt bei privaten Haushalten in Deutschland bei 10,8 Prozent. Am niedrigsten ist der Anteil mit nur 7,8 Prozent in Großbritannien, am höchsten mit 27,8 Prozent in Rumänien.

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Wer ist der größte Discounter im Land?

Die Preisschlachten der großen Lebensmittelketten sind hierzulande marktprägend: Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (zu der Lidl und Kaufland gehören) und der Discounter Aldi kommen auf einen Marktanteil von rund 70 Prozent. Die Schwarz-Gruppe ist mit einem Jahresumsatz von 113 Milliarden Euro der größte Handelskonzern Europas. Im Kampf um die Frage „Wer ist der größte Discounter im Land?“ beharken sich die Erzrivalen Lidl und Aldi nach Kräften – Tiefpreise der Konkurrenz werden sofort mit Gegenangeboten gekontert. In der Corona-Krise ruhte der Preiskampf zeitweilig – doch inzwischen kreuzen Aldi und Lidl wieder die Klingen, die anderen großen Lebensmittelketten mischen ebenfalls mit. Willkommener Anlass für die erneuten Preisscharmützel war die Mehrwert­steuersenkung zum 1. Juli 2020.

Ruinös niedrige Milchpreise

Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die rund 75 000 Milchbauern in Deutschland doppelt so viel.

Die Lasten tragen zu großen Teilen die Produzenten – ihre Klagen über unzureichende Gewinnmargen reißen seit vielen Jahren nicht ab. Beispiel Milchpreise: 2009 gab es europaweit Proteste von Bauern gegen ruinös niedrige Milchpreise. Die erbosten Bauern lieferten Milch nicht ab, sondern brachten sie mit Güllewagen auf Feldern aus und demonstrierten vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel. Doch der öffentlichkeitswirksame Protest half nur vorübergehend. Im Mai 2016 sank der Milchpreis wegen des Überangebots erstmals unter 20 Cent pro Liter. Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die rund 75 000 Milchbauern in Deutschland doppelt so viel, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Milchkrise sorgte unter anderem in Nordrhein-Westfalen für ein beschleunigtes Höfesterben: 633 Milchviehbetriebe gaben in NRW bis Anfang November 2016 auf.

Schweinefleisch für den Export

Ein Überangebot gibt es auch beim Fleisch: Deutschland und viele andere europäische Länder produzieren Fleisch im Überschuss, um es zu exportieren. So liegt beispielsweise in Spanien der Selbstversorgungsgrad laut der Studie „Agrarmärkte 2019" bei rund 172 Prozent. Rund 60 Kilo Fleisch isst jeder Deutsche pro Jahr – viel zu viel, finden Tierschützer, Umweltaktivisten und Gesundheitsexperten. „Raus aus der Massentierhaltung“, fordert etwa der BUND und zählt auf: „Allein in Deutschland werden 159 Millionen Geflügel, 26,9 Millionen Schweine und 12 Millionen Rinder gehalten." Wer viel Wurst und Schinken isst, hat ein um 18 Prozent erhöhtes Darmkrebs-Risiko, stellten Forscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest. Und das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller trägt zur Erderhitzung bei: 14,5 Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen stammen laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO aus der Haltung und Verarbeitung von Tieren.

Veggie-Boom bei Fleischkonzernen

„Weniger Fleisch essen“, ist ein Vorsatz, den in Deutschland inzwischen 42 Millionen Menschen umsetzen. So viele Flexitarier gibt es nach einer Forsa-Umfrage zwischen Flensburg und Sonthofen. Die Teilzeitvegetarier befeuern den Trend zu Fleischersatzprodukten: Im ersten Quartal 2020 wurden laut Statistischem Bundesamt rund 20.000 Tonnen „pflanzliche Fleischwaren“ produziert – ein Anstieg von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Vor allem große Fleischkonzerne profitierten dabei vom Veggie-Boom und verdoppeln ihre Umsätze mit fleischlosen Produkten wie vegetarischen Bratlingen, Aufstrichen und Co. aus Soja, Weizen oder Erbse: Die Rügenwalder Mühle ist bei Fleischalternativen Marktführer in Deutschland – mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent, berichtet das „Handelsblatt“. Die Ökobilanz der Fleischalternativen könnte allerdings besser sein. So wird etwa Soja in großen Mengen aus Südamerika importiert, wo Regenwald für den Anbau gerodet wird.

Fairtrade: Auch für Rechner und Reisen

Handel geht auch fair. Die Mission von Fair-Trade ist ein kontrollierter Handel mit Produkten, die soziale und ökologische Mindeststandards erfüllen. Die Erzeuger sollen für ihre Produkte einen Mindestpreis erhalten. Die Fair-Trade-Idee verbreitete sich zunächst beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze. Die niederländische Stiftung S.O.S. startete 1967 mit dem Handel von Kunsthandwerk aus der so genannten Dritten Welt und verkaufte dieses überwiegend in Kirchengemeinden. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Fairhandelsbewegung stetig gewachsen und umfasst inzwischen beispielsweise Fairtrade-Reisen und Initiativen zum fairen Handel mit Computern. 2002 einigten sich 17 nationale Siegel-Organisationen auf ein gemeinsames Fairtrade-Logo. Allerdings funktioniert Fairtrade nicht überall: So scheiterte Lidl 2019 damit, nur noch fair gehandelte Bananen zu verkaufen. Der Discounter machte mit dem fair gehandelten Obst kaum Gewinne. „Der Kunde kauft anders ein, als er redet", stellte Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe, auf einer Pressekonferenz fest.

Bio als Wachstumstreiber

Bio-Lebensmittel sind dagegen der neue Liebling und ein Wachstumstreiber im Lebensmittelhandel: Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln erreichte im Jahr 2019 die neue Rekordsumme von rund 11,97 Milliarden Euro. Im europaweiten Vergleich weist Deutschland mit über 130 Euro beim Pro-Kopf-Umsatz von Bio-Lebensmitteln überdurchschnittliche Werte auf, stellt das Markt­forschungsunter­nehmen Statista fest. Produkte aus ökologisch betriebener Landwirtschaft müssen bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu gehört unter anderem, dass die pflanzlichen Produkte ohne den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln auskommen, Nutztierhalter müssen auf die artgerechte Haltung ihrer Tiere achten. Dabei ist Bio nicht gleich Bio: Das grüne EU-Bio-Siegel definiert Mindeststandards wie den, dass sich bei Bio-Legehennenhaltung nicht mehr als 3.000 Tiere in einem Stall befinden – allerdings sind in einem Gebäude mehrere Ställe erlaubt. Bio-Anbauverbände wie Biokreis, Bioland, Demeter oder Naturland haben strengere Vorschriften.

Corona-Krise: Regionale Anbieter unterstützen

Corona hat den Trend zu Bio-Lebensmitteln verstärkt, so eine GfK-Umfrage. In den ersten drei Monaten der Corona-Krise stieg die Nachfrage nach Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung deutlich stärker als die Umsätze im Lebensmittelhandel insgesamt. In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts AMM gaben 30 Prozent der Konsumenten an, ihre Bio-Einkäufe in der Pandemie ausgeweitet zu haben. „Der Anteil von Bio-Produkten am Lebensmitteleinkauf hat durch die Pandemie einen weiteren Schub erhalten“, sagt der Leiter der Studie, Joachim Riedl von der Hochschule Hof der Deutschen Presseagentur. Die Bio-Produkte profitierten nicht nur von ihrem Ruf, hochwertig, umweltfreundlich und gesund zu sein. Laut der Umfrage landeten Bio-Produkte auch deshalb vermehrt im Einkaufskorb, weil Konsumenten in der Krise regionale Anbieter und Bauern unterstützen wollten.

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