Bruttonationalglück in Bhutan – Zufriedenheit ist Staatssache

Published on 19. January 2021
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Bruttonationalglück in Bhutan – Zufriedenheit ist Staatssache

Mit dem Bruttonationalglück setzt das Königreich Bhutan dem Bruttoinlandsprodukt einen Konterpart entgegen, der definiert, was wirklich wichtig ist: Glück, Zufriedenheit und Wohlergehen.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, meist innerhalb eines Jahres, in einem Land erbracht werden. So ermöglicht das BIP Aussagen über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes.

Im  Jahre 2019 belegt Deutschland im internationalen Ranking , hinter den USA, China und Japan, Platz 4 und ist somit die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Doch Geld allein macht längst nicht glücklich, und so steht auch das Bruttoinlandsprodukt seit Längerem in der Kritik. Zwar spiegelt es die Wirtschaftsleistung einzelner Länder wieder, Aussagen über Wohlstand, Lebensqualität und Glück der Bürger erfasst es allerdings nicht. Im Gegenteil: Menschliches Leid, Naturkatastrophen oder Unfälle, welche Ausgaben für Reparaturen, Wiederaufbau, Neuanschaffungen oder ärztliche Versorgung nach sich ziehen und somit die Wirtschaft ankurbeln, wirken sich positiv auf das BIP aus.

Doch wenn eine blühende Wirtschaft und Geld nicht alles sind, was macht uns dann glücklich? Und macht Glück automatisch auch reich? Was ist überhaupt Glück? Ein Sechser im Lotto? Gesundheit? Der Geruch von warmem Sommerregen? Eine Tüte Gummibärchen?

Willkommen in Bhutan

Das Königreich Bhutan liegt in Südasien zwischen Tibet und Indien. Gerade einmal 38 000 km², so viel wie die Schweiz, misst das kleine Königreich. Doch zwischen den beiden Ländern liegen nicht nur geographisch gesehen Welten: Statt Alpen, Käse und Schweizer Bankkonten ist Bhutan geprägt vom Himalaya – und von glücklichen Menschen. Das soll nicht heißen, dass die Schweizer – oder die Südafrikaner, Australier, Brasilianer, ja, der Rest der Welt - per se unglücklich sind. Doch Bhutan ist einzigartig. In Bhutan gilt Glück und Zufriedenheit mehr als materieller Reichtum und eine herausragende Wirtschaftsleistung. Und dieser Anspruch ist sogar in der Verfassung verankert, unter dem Begriff „Bruttonationalglück“.

Was ist das Bruttonationalglück?

In Bhutan wurde das Glück der Bevölkerung bereits im 18. Jahrhundert als Ziel von Entwicklung und Politik definiert. Der vierte König Bhutans, Jigme Singye Wangchuck, prägte den Begriff “Bruttonationalglück” als Gegensatz zum Bruttonationalprodukt jedoch erst 1979, als er ihn in einem Interview mit einem Journalisten zum ersten Mal erwähnte. Auf die Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt des asiatischen Landes antwortete er mit der spontan erdachten Wortkreation, um zu verdeutlichen, dass sich die Regierung Bhutans für eine Mehrung des Glücks statt des finanziellen Wohlstands einsetze. Das Streben nach einer Wirtschaftsentwicklung, die Bhutans Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht wird, steht im Fokus. Das eigentliche Konzept des Bruttonationalglücks wurde schließlich 1998 ausgearbeitet und in Artikel 9 der bhutanischen Verfassung verankert.

Während nun also der Rest der (kapitalistisch geprägten) Welt das kontinuierliche Wirtschaftswachstum zum erklärten Ziel politischen Handelns und nationaler Bestrebungen macht, nimmt die Idee des Bruttonationalglücks an, dass eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen, sozialen und spirituellen Schritten geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken. Auf dieser Theorie basieren die vier Säulen des Bruttonationalglücks:

  1. Schutz der Umwelt
     
  2. Gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen
     
  3. Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung
     
  4. Bewahrung und Förderung kultureller Werte und Traditionen

 

Das erklärte Ziel des Bruttonationalglücks ist es, die Lebensbedingungen der weniger glücklichen Bewohner des Landes signifikant zu verbessern, um auf lange Sicht allen Bhutanern ein glückliches Leben ermöglichen zu können. Bhutan ermittelt das Bruttonationalglück in regelmäßigen Abständen mit Hilfe eines umfangreichen Fragebogens. Mit der letzten Erhebung im Jahre 2015 gelten 43,4 Prozent der Menschen als glücklich – eine Verbesserung um 1,7 Prozent zur vorigen Befragung 2010. Die Ergebnisse dieser Befragungen werden analysiert, um die geplanten Entwicklungen der kommenden Jahre entsprechend anzupassen.

Errungenschaften des Bruttonationalglücks

In Sachen Umweltschutz ist Bhutan vorne mit dabei und bleibt seinen eigenen Vorgaben treu. So steht beispielsweise in der Verfassung Bhutans geschrieben, dass die bewaldete Fläche des Landes nicht unter 60 % fallen darf - derzeit sind über 70 % des Landes bewaldet, zudem ist rund ein Viertel des Landes Teil verschiedener Nationalparks.
Der äußert ambitionierte Plan, die komplette Landwirtschaft bis 2020 auf Bioproduktion umzustellen, wurde hingegen gerade auf das Jahr 2035 verschoben.

Mit der neuen Verfassung, die 2008 in Kraft trat, wurde Bhutan zu einer demokratischen, konstitutionellen Monarchie samt eigenem Parlament. Zudem besitzt die Nationalversammlung ein Misstrauensvotum gegen das Staatsoberhaupt. Und seit 2015 existiert in Bhutan eine Kommission, die sich mit der Korruption des Landes auseinandersetzt – auch die zweite Säule des Bruttonationalglücks hält also dem Praxistest stand.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Gesundheitspolitik. Neue Krankenhäuser werden gebaut, es wird in die medizinische Forschung investiert. Als Resultat hat sich die Lebenserwartung der Bhutaner weiter erhöht. Einen besonders großen Erfolg hat die Bildungspolitik zu vermelden. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Alphabetisierungsrate von 2005 bis 2017 um 13,8 % auf 66,6 % an. Der kostenlose Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung schlägt sich also in konkreten Zahlen nieder.

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Kritik am Bruttonationalglück

Doch all diese Zahlen können über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Bhutan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Das BIP lag 2020 bei nur 3.431 US-Dollar pro Kopf. Zum Vergleich: In Deutschland betrug das BIP pro Kopf im vergangenen Jahr rund 45.466 US-Dollar – trotz Corona, Kurzarbeit und Co.

Sind die Bhutaner also arm, aber glücklich? Nun, trotz der regelmäßigen Befragungen lässt sich auch dies nicht eindeutig sagen. Zum einen ist die Gewichtung der Indikatoren, welche zur Erhebung des Bruttonationalglücks eingesetzt werden, nicht sonderlich transparent. Die Gefahr besteht, dass die Umfrageergebnisse bei Bedarf geschönt werden könnten.

Zum anderen lässt sich nicht abschließend klären, ob die allgemeine Zufriedenheit in Bhutan nicht auch ohne das Bruttonationalglück gestiegen wäre. Gerade medizinsicher Fortschritt, Bildung für alle und ein breiteres Verständnis für Umweltschutz haben in den letzten Jahrzehnten schließlich auch in vielen anderen Ländern Einzug gehalten – ganz ohne eine staatlich verankerte Zufriedenheitskultur. Hier zeigt sich auch ein weiterer großer Nachteil: Bhutan ist das einzige Land weltweit, das einen Glücks-Index erhebt. Es fehlt also schlicht und ergreifend an Vergleichsmöglichkeiten, um die bhutanischen Entwicklungen international einzuordnen.

Bhutan und der Tourismus

Mögliche Bedenken und Kritik am Konzept des Bruttonationalglücks haben jedoch keine Chance, wenn es um die Sympathiepunkte geht, die das Königreich mit seinem Glücks-Index einstreicht. Nichts gegen das eingangs erwähnte Bruttosozialprodukt, aber vielleicht täte es den führenden Industriestaaten ganz gut, sich ein Scheibchen von Bhutans Empathie für Mensch und Umwelt abzuschneiden und das bewährte BIP um ein landesspezifisch ausgearbeitetes Bruttonationalglück zu ergänzen.

Bis es soweit ist, bleibt nur, selbst nach Bhutan zu reisen, und sich die gesetzlich verordnete Zufriedenheit mit eigenen Augen anzuschauen. Doch das ist alles andere als einfach – selbst zu nicht-pandemischen Zeiten, in denen reisen problemlos möglich ist.

Denn Bhutan verschließt sich konsequent dem Massentourismus, um seine einzigartige Natur, seine Kultur und Traditionen zu schützen. Das Gerücht, nur eine begrenzte Anzahl von Touristen dürfe jährlich einreisen, hält sich hartnäckig und ist nichts weiter als das – ein Gerücht. Wahr hingegen ist, dass Reisende ein „Eintrittsgeld“ bezahlen müssen, um das Land besuchen zu dürfen. Zudem sind Reisen in Bhutan nur mit gebuchten Touren und in Begleitung eines lizenzierten Führers möglich. Um Massen- oder Billigtourismus zu verhindern, ist ein stolzer Mindestpreis für Übernachtungen vorgeschrieben. Lediglich der Flughafen von Paro wird von Linienflugzeugen bedient, die Preise für Flugtickets sind ebenfalls saftig, die Organisation der Reisen kompliziert und langwierig. Durch diese Maßnahmen gelingt es Bhutan, die Natur und Werte des Landes vor einem disneylandischen Ausverkauf zu bewahren.

Bitte nachmachen!

Mittlerweile ist Bhutan nicht mehr das einzige Land, das dem Wohlergehen seiner Einwohner einen hohen Stellenwert einräumt und sich bemüht, jenen statistisch zu erheben und zu fördern.

Seit dem Jahre 2011 ermöglicht es der Better Life Index der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Lebensqualität in verschiedenen Ländern zu vergleichen. Anhand von elf Themenbereichen werden mit zahlreichen Messgrößen Aspekte des Wohlergehens gemessen.

Deutschland schneidet im Vergleich zu anderen Ländern im Better Life Index nach vielen Messgrößen der Lebensqualität gut ab. Die Werte liegen in den Themenbereichen Bildung, Work-Life-Balance, Beschäftigung, Einkommen und Vermögen, Umwelt, soziale Beziehungen, Gesundheit, Zivilengagement, Wohnen, Sicherheit und subjektives Wohlbefinden über dem Durchschnitt.

Die Deutschen sind somit im Allgemeinen zufriedener mit ihrem Leben als der Durchschnitt der OECD-Bürger. Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten sie ihre Lebenszufriedenheit mit 7,0. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 6,5.

Im Alltag, und noch viel mehr in der aktuellen Corona-bedingten Ausnahmesituation fehlt uns sicherlich oft die nötige Distanz, um zu sehen, wie gut es vielen von uns im weltweiten Vergleich doch immer noch geht. Doch dies ist kein Grund, sich auf unserer gefühlten Zufriedenheit auszuruhen. Vielmehr sollte das kleine Bhutan mit seinen ambitionierten Zielen, die Mensch und Natur in den Mittelpunkt allen Strebens stellen, uns als Inspiration dienen – für eine bessere Zukunft, für mehr Glück, für Zufriedenheit und Wohlergehen.

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