Bildungsurlaub für alle! (Außer Bayern und Sachsen. Sorry.)

Published on 26. October 2020
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Bildungsurlaub für alle! (Außer Bayern und Sachsen. Sorry.)

Fünf Tage bezahlte Freistellung stehen jedem Arbeitnehmer jährlich zu, um sich im Rahmen des Bildungsurlaubs weiterzubilden. Von Anspruch über Antrag bis Anerkennung - wir beantworten die wichtigsten Fragen und erklären, wie du dir den Bildungsurlaub sichern kannst.

Spricht man Freund*innen und Kolleg*innen darauf an, haben die meisten schon einmal den Begriff „Bildungsurlaub“ gehört – können sich aber nicht so richtig viel darunter vorstellen. Und in Anspruch genommen? Haben ihn noch weniger. Mit gerade einmal ein bis zwei Prozent aller Beschäftigten ist die Zahl der Bildungsurlauber*innen verschwindend gering. Und das, obwohl gut 77 % der Angestellten angeben, an Fortbildungen interessiert zu sein.

Dabei klingt das Angebot fast zu gut, um wahr zu sein: Eine ganze Arbeitswoche pro Jahr wird uns bezahlt zur Verfügung gestellt, um zu lernen. Alte Skills auffrischen, Neues entdecken, sich spezialisieren – während der Arbeitszeit, bei vollem Gehalt und (fast) freier Wahl des Angebots.

Woran hängt’s also? Vermutlich an der Aufklärung. Denn was man nicht kennt, das kann man auch nicht vermissen. Also beantworten wir heute alle wichtigen Fragen zum Thema Bildungsurlaub – damit danach auch wirklich niemand mehr behaupten kann, man hätte von nichts gewusst!

Was ist Bildungsurlaub?

Bildungsurlaub ist der gesetzliche Anspruch auf Weiterbildung für Arbeitnehmer*innen während der Arbeitszeit. Anerkannte Seminare, Kurse und Weiterbildungen dürfen während der Arbeitszeit besucht werden. Hierfür wird man von der eigentlichen Tätigkeit freigestellt.

Wer hat Anspruch auf Bildungsurlaub?

Beim Bildungsurlaub geht es um die Freistellung von der Arbeit zum Zwecke der Weiterbildung. Dementsprechend muss man also zwingend Arbeitnehmer*in sein, um den Bildungsurlaub in Anspruch nehmen zu können – und zwar in einem Bundesland mit Bildungsurlaubsgesetz. Somit gehen die Bayern und Sachsen in Sachen Bildungsurlaub leider leer aus.
Ausschlaggebend für den Anspruch – und die Zuständigkeit – ist der jeweilige Arbeitsort, nicht der Firmensitz oder der private Wohnort.

In manchen Bundesländern haben auch Kommunal- und Landesbeamte Anspruch auf Bildungsurlaub, andere Länder haben Beamte explizit ausgeschlossen. Gleiches gilt für freie Mitarbeiter, auch hier ist der Anspruch auf Länderebene geregelt.

Auszubildende orientieren sich ebenfalls an den Konditionen ihres jeweiligen Bundeslandes. Auch sie dürfen meist Bildungsurlaub nehmen, wenn auch oft mit strengeren zeitlichen und inhaltlichen Vorgaben.

Ein guter Überblick über alle Sonderfälle, Einschränkungen und Ausnahmen findet sich in den einzelnen Ländergesetzen zum Bildungsurlaub.

Wie viele Tage Bildungsurlaub stehen mir zu?

In der Regel stehen den Arbeitnehmer*innen fünf Tage bezahlter Bildungsurlaub pro Kalenderjahr zu. In manchen Bundesländern wie Berlin lassen sich auch alle zwei Jahre zehn Tage am Stück nutzen – hier muss der Übertrag des Bildungsurlaubs ins nächste Jahr schriftlich beim Arbeitgeber beantragt werden. Im Saarland erhalten Beschäftigte sechs Tage Bildungsurlaub, allerdings gilt hier die Sonderregel, dass Arbeitnehmer*innen für die Hälfte des Bildungsurlaubs ihre Freizeit einbringen müssen.

Wie wird der Bildungsurlaub bezahlt?

Wie beim regulären Jahresurlaub zahlt der Arbeitgeber auch während des Bildungsurlaubs das Gehalt fort. Es handelt sich also um eine bezahlte Freistellung von der eigentlichen Tätigkeit.

Wer trägt die Kosten für meinen Bildungsurlaub?

Wie oben bereits erläutert erhalten Arbeitnehmer*innen während des Bildungsurlaubs eine Lohnfortzahlung ihres Arbeitgebers. Die individuell anfallenden Kursgebühren, mögliche Ausgaben für Lehrmittel, für Fahrten und Unterkunft hingegen müssen von den Arbeitnehmer*innen selbst getragen werden. Allerdings gibt es hier einige Fördermöglichkeiten, die die Kosten auf Arbeitnehmer*innenseite deutlich reduzieren können.

Somit teilen sich Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen die Kosten – denn schließlich profitieren auch beide langfristig vom neu erworbenen Wissen.

Ist Bildungsurlaub Arbeitszeit oder Urlaub?

Der Bildungsurlaub wird nicht vom gesetzlich vorgeschriebenen Urlaub abgezogen. Er steht den Arbeitnehmer*innen zusätzlich zur Verfügung, ist allerdings zweckgebunden und dient der Weiterbildung, nicht der Erholung.

Eine Weiterbildung, die vom Arbeitgeber vorgeschrieben wird, gilt in der Regel als Arbeitszeit, das heißt, der Arbeitnehmer muss dafür weder Erholungsurlaub noch Bildungsurlaub nehmen.

Wem der gesetzliche Anspruch an Bildungsurlaub nicht ausreicht, kann selbstverständlich nach Absprache mit dem Arbeitgeber Urlaubstage einsetzen, um darüber hinaus an Seminaren und Kursen teilzunehmen.

Kann ich mir meine Bildungsurlaubstage auch auszahlen lassen?

Nein, diese Möglichkeit besteht nicht. Bildungsurlaub ist ein Angebot zur Weiterbildung. Wird dieses Angebot nicht genutzt, verfällt der Anspruch. Eine finanzielle Kompensation ist nicht möglich. Allerdings können verbliebene Tage in einigen Bundesländern ins nächste Kalenderjahr übernommen werden, wenn der Arbeitgeber darüber bis zum 31. Dezember schriftlich unterrichtet wird.

Muss mein Arbeitgeber meinen Bildungsurlaub genehmigen?

Der Arbeitgeber ist prinzipiell zur Bewilligung von Bildungsurlaub verpflichtet, kann diesen also nicht generell ablehnen. In Ausnahmefällen, die nachvollziehbar und belegbar sein müssen, steht ihm diese Option allerdings zur Verfügung. Mögliche Ablehnungsgründe sind beispielsweise das nicht form- und fristgerechte Einreichen des Antrags oder betriebliche Gründe, wie der Urlaubsvorrang von Kolleg*innen oder wichtige Deadlines. Handelt es sich um nicht anerkannte Angebote, kann der Bildungsurlaub ebenfalls abgelehnt werden.

In diesen Fällen empfiehlt sich das Stellen eines erneuten Antrags für einen anderen Zeitraum oder eine anerkannte Weiterbildung.

Welche Seminare, Weiterbildungen, Kurse und Co. werden als Bildungsurlaub anerkannt?

Die wichtigste Voraussetzung für die Auswahl des richtigen Kurses ist die Frage, ob selbiger offiziell als Bildungsurlaub anerkannt wird. Zum einen kann man durch einschlägige Datenbanken stöbern, die ausschließlich anerkannte Anbieter listen, und gezielt den passenden Kurs für die eigenen Bedürfnisse aussuchen. Hat man andererseits bereits ein konkretes Seminar im Blick, hilft direktes Nachfragen beim Veranstalter. Dieser erhält einen schriftlichen Anerkennungsbescheid vom Senat oder dem Ministerium – ohne diesen Bescheid werden die angebotenen Kurse nicht anerkannt.

Muss der Bildungsurlaub inhaltlich mit meinem Beruf zu tun haben?

Ist die Frage nach der Anerkennung geklärt, geht es um die Inhalte. Tatsächlich muss die Weiterbildung nicht im direkten Zusammenhang mit der ausgeübten Tätigkeit stehen. Der Bildungsurlaub kann für berufsbezogene oder gesellschaftspolitische Themen beantragt werden, in manchen Bundesländern auch für die persönliche Bildung oder die Qualifizierung zu einem Ehrenamt. Und gerade der Begriff „persönliche Bildung“ lässt viel Spielraum zu. So dient beispielsweise auch ein Yogakurs der beruflichen Weiterbildung, wenn er die „Anpassungsfähigkeit und Selbstbehauptung“ der Arbeitnehmer stärkt.

Kann ich auch eine Sprachreise buchen?

Auch für das Erlernen einer neuen Sprache oder das Vertiefen vorhandener Kenntnisse eignet sich der Bildungsurlaub perfekt. Und nicht immer muss man hierfür in miefigen Klassenzimmern der heimischen Volkshochschule sitzen. Denn zu den beliebtesten Kursen im Rahmen von Bildungsurlauben zählen Sprachreisen ins Ausland. Schließlich kann das Erlernte hier sofort in die Praxis umgesetzt werden und der Unterricht endet nicht mit Schulschluss – sondern mit dem Bestellen eines Tellers köstlicher Pasta auf einer pittoresken Piazza oder einem Plausch mit dem französischen Kellner über einem Glas Bordeaux in einem kleinen Bistro.

Mittlerweile werben viele Anbieter mit dem Buzzword „Bildungsurlaub“ – leider bringen aber längst nicht alle die nötigen Voraussetzungen zur Anerkennung des Kurses mit. Hier gilt es also, im Vorfeld gründlich zu recherchieren und zu prüfen. Viele Sprachschulen im Ausland kennen das Prozedere bereits und senden auf Wunsch gerne die passenden Unterlagen zu.

Die meisten Bundesländer erkennen Sprachbildungsurlaube problemlos an. Das Saarland, Bremen und NRW halten allerdings einige Einschränkungen parat – hielt lohnt wieder der Blick in die jeweiligen Ländergesetze.

Bildungsurlaub während der Corona-Pandemie

Zugegeben, die Infos zur Sprachreise als Bildungsurlaub sind zwar wertvoll – während der Corona-Pandemie, damit einhergehenden Reisebeschränkungen und der nicht vorhandenen Planungssicherheit aber auch erstmal obsolet. Zumindest wohl bis nächstes Jahr.

Wie verhält es sicher aber ganz allgemein mit dem Bildungsurlaub während Corona? Volle Kursräume und eng stehende Schreibtische – wenn das Seminar nicht gleich komplett gecancelt wurde – versprechen nichts Gutes. Viele Anbieter haben kurzfristig reagiert und bieten ihre Angebote nun digital an. Doch Vorsicht! Einige Ländergesetze sehen keine Anerkennung von online durchgeführten Veranstaltungen im Rahmen des Bildungsurlaubs vor.

Kann nun die geplante Weiterbildung wegen Corona nicht in Präsenzform durchgeführt werden, können Arbeitgeber mit ihren Mitarbeitern individuelle Vereinbarungen treffen, um den (anerkannten) Bildungsurlaub trotzdem zu ermöglichen. Du solltest deinen Arbeitgeber also unbedingt zeitnah über mögliche Änderungen der Kursform informieren und die Zustimmung zur Teilnahme einholen. Anschließend kann deine Teilnahme an der digitalen Weiterbildung auf deinen Bildungsurlaubsanspruch angerechnet werden.

Wie melde ich meinen Bildungsurlaub an?

1.

Die erste Voraussetzung ist natürlich, dass du Anspruch auf Bildungsurlaub hast. Wirf hierzu bitte einen Blick in das entsprechende Ländergesetz deines Bundeslandes und mache dich mit den individuellen Voraussetzungen vertraut.

2.

Wenn du die Bedingungen erfüllst, ist es an der Zeit, die für dich passende Weiterbildung auszuwählen. Kläre vor der Buchung unbedingt, ob für den gewünschten Kurs eine Anerkennung nach dem Bildungsurlaubsgesetz deines Bundeslandes vorliegt und lass dir dies schriftlich bestätigen.

3.

Achte am besten auch darauf, ob und bis wann du kostenlos zurücktreten kannst, bevor du einen Vertrag abschließt. Sollte dein Arbeitgeber deinen Bildungsurlaub aus berechtigten Gründen ablehnen, bleibst du so nicht auf den Kosten sitzen. Kläre deinen Wunschtermin schon im Vorfeld mit deinem Arbeitgeber, um einer Ablehnung vorzubeugen – beispielsweise wegen des erhöhten Urlaubsaufkommens während der Schulferien.

4.

Die jeweiligen Ländergesetze schreiben Fristen zur Einhaltung der Anmeldung vor, meist sind dies rund vier bis sechs Wochen vor Seminarbeginn.

5.

Nach der Buchung wirst du alle notwendigen Unterlagen (Anmeldebestätigung, Anerkennungsbescheid und inhaltlicher Ablaufplan) vom Veranstalter erhalten.

Reiche folgende Unterlagen bei deinem Arbeitgeber ein und lasse dir den Eingang schriftlich bestätigen:

  • Anmeldebescheinigung, Anerkennungsbescheid und Ablaufplan
  • Kurzes formloses Anschreiben, das den Anspruch auf Freistellung zum Bildungsurlaub enthält, ebenso wie den gewünschten Zeitraum und eine kurze Erwähnung der Anlagen. Manche Bundesländer bieten hier bereits Vordrucke an.
     

6.

Innerhalb einer – ja, genau, per Ländergesetz geregelten – Frist wirst du Rückmeldung von deinem Arbeitgeber erhalten. Sollte er wider Erwarten ablehnen, prüfe unbedingt, ob der Grund laut Ländergesetz zulässig ist und stelle gegebenenfalls einen neuen Antrag.

Zum Ende deines Bildungsurlaubs wirst du eine Teilnahmebescheinigung erhalten, die du anschließend bei deinem Arbeitgeber abgibst.

Nun gibt es keine Möglichkeit mehr zu sagen, du hättest von nichts gewusst. Nutze deine Chance auf eine bezahlte Freistellung und bilde dich weiter! Für weiterführende Infos und die detaillierte Planung deines Bildungsurlaub wirf‘ unbedingt einen gründlichen Blick in das Ländergesetz deines Bundeslandes.

Viel Spaß und frohes Lernen!

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