Big Mac Index

Published on 22. May 2019
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Ein Kultklops als Indikator

In Sidney oder Sindelfingen: Der Big Mac ist überall. Warum der Doppel-Burger das perfekte Vergleichsobjekt ist und wie sich per Big-Mac-Index die Kaufkraft eines Landes bestimmen lässt.

Hippe Burgerläden mit Rindfleisch aus der Region, selbst gemachtem Ketchup und einer Inneneinrichtung im Industrieschick gibt es mittlerweile fast an jeder Ecke Deutschlands. Kein Wunder, dass der gute alte Big Mac da etwas ins Hintertreffen gerät. Trotzdem ist das Brötchen mit der doppelten Fleischeinlage immer noch der berühmteste Burger der Welt und Wahrzeichen von McDonald’s, einer der weltweit größten Restaurantkette: Über 37.800 Restaurants in 120 Ländern betreibt das US-Unternehmen mit Sitz in Chicago. Anfang jedes Jahres macht der Fastfood-Klassiker, der seit über fünfzig Jahren in der Kette mit dem goldenen „M“ über die Theke gereicht wird, zuverlässig Schlagzeilen: als sogenannter „Big-Mac-Index“.

Ein Big Mac ist ein Big Mac ist ein…

Sesambrötchen, Fleisch, Salat, Gurke, Zwiebel, Schmelzkäse und dazu noch Sauce. Das ist Standard beim Big Mac – weltweit. Diese Tatsache macht sich der Big-Mac-Index zunutze, der die Preise des Burgers in verschiedenen Ländern der Erde vergleicht. Der Index wurde von Wirtschaftsjournalisten der britischen Zeitung „The Economist“ erfunden und wird seit 1986 jährlich berechnet. Die Journalisten gingen damals von der Feststellung aus, dass die Waren für Herstellung eines Big Mac bis auf wenige Ausnahmen aus inländischer Produktion kommen. Auch bei Zubereitung und Verkauf fließen (hauptsächlich) inländische Dienstleistungen ein. Die Landwirtschaft liefert Fleisch und Gemüse für den Burger, die Elektroindustrie Geräte zum Backen der Burgerbrötchen und die Abfallwirtschaft entsorgt den anfallenden Müll. Die zahlreichen Branchen der jeweiligen heimischen Volkswirtschaft stellen damit – grob gesehen – einen repräsentativen Querschnitt dar. Auch die Arbeitskosten und die unterschiedliche Steuerbelastung fließen in den Endpreis eines Big Mac mit ein.

Perfektes Vergleichsobjekt

Der Burger ist nicht nur das globale Fast Food schlechthin, er kann also auch als eine Art für alle Länder deckungsgleicher Güterkorb verstanden werden. Kurze Erklärung für alle Nicht-Volkswirtschaft-Studis: Ein Güterkorb ist eine repräsentative Zusammenstellung einer großen Anzahl verschiedener Waren und Güter. Damit lässt sich die Inflation und der Verbraucherpreisindex berechnen. Der weltweit verkaufte Burger dient im Falls des Big-Mac-Index als perfektes Vergleichsobjekt. Anhand des Preises für einen Burger lässt sich ableiten, wie es um die Kaufkraft einer Nation und den Wohlstand bestellt ist. McDonald’s hat also mit dem Big Mac (ungewollt) eine wirtschaftliche Messzahl geschaffen.

Eurozone auf Rang sechs

In Moskau, Nowgorod und anderswo im Land kostet der Big Mac umgerechnet nur 1,65 Dollar. Russland bildet damit das Schlusslicht auf der aktuellen Burger-Preis-Liste des „Economist“. Die Länder der Euro-Zone liegen mit 4,64 Euro auf Rang sechs. 2018 wurde Deutschland noch gesondert berechnet und kam auf einen durchschnittlichen Big-Mac-Preis von umgerechnet 4,44 Dollar. Das Mutterland des Fastfood, die USA, liegt mit 5,58 Dollar auf dem vierten Platz. Angeführt wird die Auflistung von der Schweiz: Im Land der Berge und Banken muss man für den Vergleichsburger 6,62 Dollar berappen. Auf Rang zwei und drei folgen Norwegen und Schweden. 

Dollar vs. Rubel

Um via Big-Mac-Index auszurechnen, ob eine Landeswährung gegenüber dem US-Dollar über- oder unterbewertet ist, gehst du folgendermaßen vor: Dividiere den Preis eines Big Mac in einem Land (in der jeweiligen Landeswährung) durch den Preis eines Big Mac in den USA. Damit erstellst du den Wechselkurs, den du wiederum mit dem offiziellen Wechselkurs der Landeswährungen vergleichst. Im Fall von Russland kommt dann nach der „Economist“-Tabelle beispielsweise heraus, dass der Rubel gegenüber dem Dollar um 70 Prozent extrem unterbewertet ist.

Sinnvoller Ansatz, grobes Raster

Grundsätzlich steckt hinter dem Big-Mac-Index ein durchaus sinnvoller Ansatz, allerdings ist der Indikator sehr grob gewählt. „So sind die Zutaten nicht identisch in allen Ländern, beispielsweise wird in Indien Hühnerfleisch anstelle von Rinderhack verwendet, wodurch sich natürlich der Wert des Produktes ändert. Auch die anderen Kosten sind nicht vergleichbar, da sich beispielsweise die Transport- oder Lohnkosten in den USA mit anderen Ländern, wie zum Beispiel in Vietnam nicht gleichsetzen lassen“, schreibt Pia Sauer vom Blog „hsgeconomics“. Durch die Umrechnung der inländischen Währungen zum aktuellen US-Dollar-Kurs würden die Preise untereinander zudem mit einer stark vereinfachenden Methode verglichen, merkt Statista.de an.

Der Tall-Latte-Index

Um das relativ grobe Raster des Big-Mac-Index zu präzisieren, haben UBS Wealth Management und der Rat der europäischen Regionen eine Variante entwickelt, die den Index um die Zahl der Stunden ergänzt, die ein durchschnittlicher Arbeiter arbeiten muss, um einen Big Mac kaufen zu können. Danach muss in Wien rund 18 Minuten gearbeitet werden, um einen Big Mac kaufen zu können, während man im benachbarten slowakischen Bratislava dafür fast die dreifache Arbeitszeit benötigt.

Ursprünglich sollte der Big-Mac-Index die Theorie der Kaufkraftparität mit einem Augenzwinkern anschaulich machen, inzwischen ist er der internationale Star unter den Statistiken – und hat zahlreiche Nachahmer gefunden: Es gibt Indizes, die die Kaufkraft in verschiedenen Ländern anhand von Apple iPods, einen „Tall Latte“ von Starbucks oder dem Billy-Regal von Ikea berechnen.

Mehr als ein unterhaltsames Extra?

Für tiefgreifende Aussagen und Investmententscheidungen ist der Big-Mac-Index indes nicht geeignet, meinen Wirtschaftsexperten. Einen schnellen und ersten Überblick zur Wirtschaftslage bietet er aber allemal. In Ländern wie Deutschland, in denen es bereits seriöse Preisindizes gibt, zum Beispiel den Verbraucherpreisindex (VPI) des Statistischen Bundesamtes, ist der Big Mac Index eher ein (unterhaltsames) Extra. In anderen Ländern, in denen es keine zuverlässigen Indizes gibt, sondern nur solche, die auf manipulierten Regierungsstatistiken beruhen, kann der Big-Mac-Index für Investoren durchaus nützlich sein. Und wenn du demnächst im Urlaub in einen Big Mac beißt, kannst du dein schlechtes Gewissen über die Aufnahme von Fett, Zucker und 503 Kalorien damit beschwichtigen, dass du quasi volkswirtschaftliche Feldforschung betreibst…