Freitags hab ich frei – warum die 4-Tage Woche produktiver macht

Published on 04. February 2020
Kategorien:

Freitags habe ich frei – warum die 4-Tage-Woche produktiver macht

Wenn donnerstags schon Freitag ist: Warum eine verkürzte Arbeitszeit produktiv (und happy) macht und was der Arbeitgeber davon hat.

Stell dir vor du arbeitest nur noch von Montag bis Donnerstag, hast obendrein einen Sechs-Stunden-Tag und bekommst weiter dein volles Gehalt. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Tatsächlich spricht momentan alle Welt über die Vier-Tage-Woche. Auslöser der aktuellen Diskussion ist eine Aussage der damaligen finnischen Verkehrsministerin Sanna Marin im Sommer 2019. „Ich glaube, die Menschen verdienen es, mehr Zeit mit ihrer Familie, mit ihren Lieben, mit ihren Hobbys und anderen Aspekten ihres Lebens zu verbringen – wie Kultur. Das könnte der nächste Schritt in unserem Arbeitsleben sein“, sagte Marin damals. Inzwischen ist die Finnin die jüngste Regierungschefin der Welt und ihre Idee einer Vier-Tage-Woche macht weltweit Furore. In Finnland soll nun in Testläufen ausprobiert werden, wie sich ein Sechs-Stunden-Tag im Rahmen einer Vier-Tage-Woche umsetzen lässt.

konto eröffnen

Das Thema „Zeit“ immer wichtiger

Auch in Deutschland wird gerade viel über das Thema Arbeitszeitverkürzung diskutiert: „Die Finnland-Debatte unterstreicht einmal mehr, welch hohen gesellschaftlichen Stellenwert das Thema ‚Zeit‘ inzwischen hat", kommentiert zum Beispiel DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Auch in Deutschland muss Arbeitszeit-Flexibilität in Zukunft noch stärker aus der Sicht der Beschäftigten realisiert werden, sagt Buntenbach und betont: „Dabei erwarten wir politische Unterstützung.“

Arbeit gerecht verteilt

Für eine 32-Stunden-Woche spricht sich Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung aus. Ihr Argument: „Arbeit ist in unserem Land immer noch sehr ungleich verteilt“, sagt sie gegenüber dem Tagesspiegel. Mit der 32-Stunden-Woche würden Männer durchschnittlich etwas weniger und Frauen etwas mehr arbeiten, so die Soziologin. Die Folge: „Freiräume täten sich auf, Fürsorgearbeit gerechter zu verteilen – ohne dass die Produktivität unseres Landes zurückgeht.“

Die langfristige Lösung

Das freitags frei-Modell wurde in Schweden bereits zwei Jahre lang getestet. In der schwedischen Großstadt Göteborg hatten von 2015 an kommunale Krankenhäuser und Altenheime bei vollem Gehalt die Vier-Tage-Woche getestet. Das Personal sei gesünder, lebensfroher und produktiver gewesen, habe mehr geleistet und die Patienten seien zufriedener gewesen, hieß es. Trotzdem wurde das Projekt nicht verlängert oder ausgeweitet. Der Grund: Die hohen Kosten des zweijährigen Testlaufs. „Es ist viel zu teuer, um eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens durchzuführen“, sagt Daniel Bernmar, der für die Verwaltung der Altenpflege verantwortlich ist, gegenüber „Bloomberg“. Trotzdem will er das Projekt nicht völlig begraben. „Ich persönlich glaube an kürzere Arbeitszeiten als langfristige Lösung“, so Bernmar.

Free day for future?

Eine andere Erfahrung machte Microsoft in Japan – dem Land, das mit „Karoshi“ einen eigenen Begriff für den Tod durch Arbeitsüberlastung hat. Dort gab Microsoft seinen Mitarbeitern im August 2019 probeweise einen zusätzlichen Tag in der Woche frei. An ihren freien Freitagen konnten die Mitarbeiter machen, was sie wollten: Zu Hause bleiben oder an einem der Förderprogramme des Unternehmens teilnehmen. Die Produktivität habe sich deutlich erhöht und die Betriebsausgaben seien gesunken, so das Fazit. Nicht nur der Stromverbrauch, sondern auch die Anzahl des verbrauchten Papiers sank beim Microsoft-Experiment. In Anlehnung an „Fridays for future“ gibt es deshalb nun die Forderung nach einem „Free day for future“. Arbeiten schadet dem Klima, meint der Journalist Quentin Lichtblau und plädiert auf Zeit Online für die Vier-Tage-Woche.

Zeit schlägt Zaster

Dein Traum: Mehr Zeit für Familie, Hobbies oder Weiterbildung. Willkommen im Club! Eine aktuelle Umfrage von ver.di unter Beschäftigten im öffentlichen Dienst zeigt, wie wichtig den Angestellten das Thema Arbeitszeit ist: 57 Prozent der Befragten würden die tariflichen Gehaltssteigerungen zur Verkürzung ihrer Arbeitszeit eintauschen. Bei der anstehenden Tarifrunde 2020 soll es deshalb neben mehr Geld voraussichtlich auch um die Arbeitszeit beziehungsweise um eine Wahlmöglichkeit zwischen Geld und Zeit gehen.

Und hier noch eine Studie, aus der du beim Gespräch mit dem Chef zitieren kannst, wenn dieser beim Thema Vier-Tage-Woche schaut, als habe er in eine Zitrone gebissen: In einem Forschungsprojekt der Uni Köln wurde untersucht, wie sich eine kurzfristige, einmalige Bonuszahlung in Form von mehr Freizeit auf die Arbeitsleistung auswirkt. Das Ergebnis: „Freizeit hat die Probandinnen und Probanden deutlich mehr motiviert als Geld“, so Doktorand Timo Vogelsang in einem Interview mit Bento.de.

Teilzeitmodell durchrechnen

Als Arbeitnehmer hast du einen allgemeinen Anspruch auf Teilzeit – anders als bei der Elternzeit ist eine Ablehnung allerdings bei besonderen Gründen möglich. Am besten du informierst dich vorher genau, ob Teilzeit in deinem Fall in Frage kommt und sinnvoll ist.

Als Teilzeitmodell ist eine Vier-Tage-Arbeitswoche mit geringerer Stundenzahl hierzulande bereits etabliert: Du arbeitest ungefähr 30 bis 32 Stunden und bekommst entsprechend weniger Lohn. Tipp: Mit dem Teilzeitrechner des Bundesministeriums für Soziales kannst du ausrechnen, wie sich eine reduzierte Stundenzahl auf dein Gehalt auswirkt.

Ein weiteres Modell ist die Vier-Tage-Arbeitswoche mit gleicher Stundenzahl: Hier arbeitest du nur vier Tage die Woche, dafür aber länger. Das bedeutet: Dein Gehalt bleibt gleich. Ein Nachteil ist, dass deine Arbeitsbelastung vermutlich ansteigt. Vorsicht: Wenn das Unternehmen, für das du arbeitest, unterbesetzt ist und du zu viele Aufgaben bewältigen musst, sorgt eine Vier-Tage-Woche für Frust und Stress.

41 Stunden pro Woche

Ein Blick zurück: Noch in den 1950er Jahren galt in Deutschland die Sechs-Tage-Woche. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) machte dagegen mit dem Spruch „Samstags gehört Vati mir“ mobil und forderte die 40-Stunden-Woche.

1967 wurde dann in Deutschland die Fünf-Tage-Woche eingeführt – damit ist die letzte Arbeitszeitverkürzung einige Jahre her. 2018 lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit vollzeitbeschäftigter Erwerbstätiger bei 41 Stunden. Eine bahnbrechende Veränderung waren zuletzt die Gleitzeitmodelle: Dabei gibt der Arbeitgeber meist eine Kernarbeitszeit, zum Beispiel von 10 bis 15 Uhr vor. Wann die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davor anfangen und danach aufhören, ist ihnen freigestellt.

Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice

Unter dem Schlagwort „New Work“ halten seit einigen Jahren Modelle wie Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice Einzug in die Arbeitswelt: Bei ersterem steht die Erledigung vereinbarter Aufgaben im Vordergrund, nicht die zeitliche Anwesenheit des Arbeitnehmers. Von der Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, versprechen sich viele Beschäftigte eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wünscht sich jeder Dritte in Deutschland, zumindest gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten. Die SPD fordert in einem Strategiepapier dementsprechend ein Recht auf Homeoffice.

Abschalten fällt schwer

Dabei sind Arbeitszeitmodelle wie Teil- oder Gleitzeit gut, völlig selbstbestimmte Arbeitszeiten jedoch eine Einladung zur Selbstausbeutung, so das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Bei völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten fällt das Abschalten Arbeitnehmern schwerer. Interessanterweise sei dieser Effekt nur bei Männern zu beobachten, so die Analyse von Dr. Yvonne Lott, Böckler-Expertin für Arbeitszeiten. Dies führt Lott darauf zurück, dass gerade Männer dazu neigen, ohne vorgegebene Grenzen übermäßig lange zu arbeiten. Frauen seien hingegen „typischerweise geübtere Grenzgängerinnen“ als Männer. Sie nutzten die zeitliche Flexibilität eher, um Haus- und Sorgearbeit mit dem Job zu vereinbaren. Dennoch hält Yvonne Lott mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit für vertretbar. Es müsse aber klare Regeln geben. Dazu zählt sie zeitliche Obergrenzen, Zeiterfassung, realistische Vorgaben für das Arbeitspensum und genug Personal.

Digitalunternehmen gehen voran

Ich will `nen Flexi-Job! Wer neue Arbeitszeitmodelle sucht, wird häufig bei Digital-Unternehmen fündig. „Die klassische 40 Stunden Woche ist nicht mehr zeitgemäß“, zitiert die „Welt“ Tobias Brunkhorst, Sprecher des Software-Unternehmens msg David in Braunschweig. Um die anspruchsvolle Millenial-Generation, die Wert auf eine gute Work-Life-Balance legt, fürs Unternehmen zu begeistern, bietet msg David den Mitarbeitern seit vielen Jahren Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit und die Vier-Tage-Woche an.

Die 5-Stunden-Revolution

In der Digitalagentur von Lasse Rheingans in Bielefeld gibt’s seit November 2017 den Fünf-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich. Die Mitarbeiter seien durch die 25-Stunden-Woche zufriedener und kreativer, so Rheingans in einem Interview. Wissenschaftliche Studien des Arbeitspsychologen Anders Ericsson von der Florida State University geben dem 40-jährigen Firmengründer, der ein Buch mit dem Titel „Die 5-Stunden-Revolution“ geschrieben hat, recht: Konzentriertes Arbeiten ist demnach für mehr als vier, bis maximal fünf Stunden am Stück unmöglich.

Übrigens: Der britische Ökonom John Maynard Keynes war im Jahr 1930 noch visionärer. Er sagte voraus, dass Menschen in 100 Jahren nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Der Countdown Richtung neue Arbeitswelt läuft …

Disclaimer
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte dieser Aussendung. Für den Inhalt verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. Soweit wir Ihnen steuerliche oder rechtliche Informationen liefern, stellen diese keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die hier enthaltenen Aussagen sind nicht als Angebot oder Empfehlung bestimmter Produkte oder Dienstleistungen zu verstehen. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Produkte oder deren Emittenten, Dienstleister oder Anbieter explizit erwähnt werden. Sofern die Inhalte und Informationen von Dritten zur Verfügung gestellt wurden bzw. Meinungen Dritter wiedergegeben werden, müssen diese nicht mit unserer Auffassung im Einklang, sondern können sogar im Widerspruch hierzu stehen. Bei Fragen zu rechtlichen oder steuerlichen Auswirkungen im Einzelfall wenden Sie sich bitte in jedem Fall vorher an Ihren Rechts- oder Steuerberater.

BUSINESS

Du oder Sie? Wie sich die Ansprache auf die Unternehmenskultur auswirkt

„Du, Chef“: Das ist einerseits Ausdruck einer neuen Lässigkeit, Firmen setzen mit dem „Du“ aber auch gezielt auf flache Hierarchien und Innovationsgeist. Experten hingegen warnen vor Fallstricken. Wie sich die Ansprache auf Unternehmenskultur und Geschäftsbeziehungen auswirkt.

BUSINESS

Diversity: Vielfalt am Arbeitsplatz

Durch die Globalisierung und den dadurch resultierenden demographischen Wandel, hat der Begriff Diversität in der Arbeitswelt in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.

BUSINESS

Social Entrepreneurship: Gutes gründen
 

Die Welt verbessern und Geld erwirtschaften: Beim Social Entrepreneurship ist das kein Widerspruch. Wie Startups mit unternehmerischen Methoden den sozialen Wandel voranbringen.